René Avold
René Avold

Erzählungen und Stücke

1. Pommerland ist abgebrannt

2. Trouville s. mer oder die Offenbarung

3. Stalins Ende

4. Hitlers Tod

 

Pommerland ist abgebrannt
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Trouville s. mer oder die Offenbarung
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Stalins Ende
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Hitlers Tod
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Pommerland ist abgebrannt

Eine Kindheit 1944 bis 1949

 

1944

 

Was ich schildere, sind Bilder, Einzelbilder aus der frühen Kindheit, die wie auf dem braunen Lack einer Radierplatte in meinem Gedächtnis eingezeichnet sind. Die Bilder beschreiben in kurzem Aufleuchten die Jahre 1944-48/49 aus der Sicht eines Kindes, vier oder fünf schwere, von Angst und Not erfüllte Jahre für alle, Kinder und Erwachsene. Vielleicht weniger für uns Kinder, denn wir erfassten die Gefahren nicht ganz.

 

Eine dunkle, kalte Nacht. Wir, meine Schwester Guni und ich, zudem ein Koffer und Deckbetten werden in einem Leiterwagen in schnellem Lauf über Sandwege gezogen, über uns das Dröhnen der Flugzeuge.

 

Die Flucht vor den Bomben endete in einem Luftschutzbunker im Kiefernwald.

 

Herrenalb

 

Wir streifen durch den kühlen, herbstlichen Wald und suchen Pilze. Ich bin sehr klein und den Pilzen nahe, so finde ich viele Pfifferlinge zwischen den Tannen. Wir gehen mit dem Korb an einem hohen Zaun entlang, hinter dem Männer stehen, die uns selbst gefertigtes Holzspielzeug reichen. Ich erinnere mich an pickende Hühner auf einem Brett, das wir noch viele Jahre aufbewahrten.

 

Es waren ausgemergelte, russische Kriegsgefangene. Ich hoffe sehr, dass die Eltern sie mit Nahrungsmitteln bezahlten.

 

1945

 

Weingarten

 

Wieder sitzen meine Schwester und ich in einem Wagen. Diesmal ist es ein weißer Peddigrohr- Kinderwagen, der uns nicht gehört. Der Hang einer Kiesgrube, in der große Löcher als Unterstände gegraben sind. Vater geht hinaus. Über dem dunklen Himmel Leuchtgeschosse und Granaten. Es ist noch Winter. Wir tragen Mäntelchen und Mützen.

 

An der Hand der Mutter gehe ich vom“ Eiskeller“ den Weg zu den Häusern hinauf. Plötzlich ein Dröhnen, die Mutter wirft mich in den Graben und sich selbst auf mich. Dann prasseln Schüsse über uns hinweg.

 

Ein Jagdflugzeug – welcher Nation? – auf der tödlichen Jagd nach Frauen und Kindern.

 

Wir haben Schutz gesucht in einer Waldhütte auf dem Hügel, die Mutter mit uns zwei Kindern. Auf Mutters linker Seite sitzt ein heftig zitternder, sehr junger Soldat, der sich in seiner Angst an sie klammert. Sie redet leise beruhigend auf ihn ein. Ein älterer Soldat kommt herein und nimmt den Jungen mit, lächelnd, ohne Bosheit. In der Ferne knallt es laut.

 

Am nächsten Tag sind die Amerikaner da. Die Sonne scheint. Die Leute sind erleichtert, fast heiter. Auch die amerikanischen Soldaten auf den Panzern lachen. Sie reichen uns Kindern, die alle im Dorf zusammengelaufen sind, Schokolade und Bonbons. Ich sehe auch schwarze Soldaten.

 

In die Küche kommen andere Soldaten in anderen Uniformen und mit Gewehren. Sie wollen meine Mutter mitnehmen. Wir Kinder klammern uns weinend an sie. Vater spricht mit den Soldaten in ihrer Sprache. Schließlich gehen sie – ohne die Mutter.

 

Alle Frauen und Mädchen in Weingarten wurden von den Franzosen und Marokkanern vergewaltigt – und nicht nur die Frauen!

 

Ich begleite den Vater bei schönem Wetter in den Garten des Hauses, in dem wir jetzt wohnen. Er öffnet den Deckel der Jauchegrube und versenkt darin ein kleines Gewehr, ein Flobertgewehr, wie er sagt. Er sagt, es ist jetzt verboten, eines zu besitzen, man wird dafür erschossen.

 

Die französische Besatzung schwelgt mit Hühnern, Gänsebraten und Schweinebraten in den Gasthöfen, während wir Futterrüben essen.

Der mittlere Bruder kehrt zurück, abgerissen, mager und braungebrannt. Er ist zu Fuß von Sonthofen nach Weingarten gelaufen. In der „Napola“ in Sonthofen hatte man die Buben, bevor die Amerikaner kamen, in Zivilkleidern einfach nach Hause geschickt.

 

August 1945

 

Wir kommen zurück in unser Haus. Gras und Unkraut stehen sehr hoch, höher als ich selbst. Es ist warm, alle freuen sich. Aber am Haus sind fast alle Fensterscheiben zerbrochen oder fehlen. Die Fenster müssen mit Brettern vernagelt werden. Im Haus liegt viel Unrat. Fremde Leute haben hier gehaust.

Es liegen schmutzige Kleider herum. Auf dem Parkett sind runde Brandmale von großen Töpfen. Die schweren Eichenmöbel und der Tisch sind mit einem Beil beschädigt. Jemand hat seinen Namen hinein geschnitten. Im oberen Stockwerk liegen ausgebrannte Brandbomben mit Brandlöchern im Boden. Das Haus selbst ist dunkelgrau, fast schwarz gestrichen wegen der Bomber. Neben der Garage ist ein tiefes Loch, darin liegt eine große Bombe, die nicht gezündet hat. Die Brüder schütten das Loch zu. Erst Jahre später wird die Bombe entschärft.

 

Das Dach wird geflickt. Es ist dunkel im Haus und in den Nächten kalt.

Im Winter bekommen wir manchmal Bettflaschen aus Kupfer, an denen man die kalten Füße wärmen kann. Im Haus gibt es nur einen Ofen, außer dem Küchenherd. Beide werden mit Holz geheizt. Aber Holz muss erst geschlagen werden, doch das ist streng verboten. Dennoch geht die Mutter nachts mit den großen Brüdern in den Wald, Bäume fällen und sägen. Sie bringen dann um Mitternacht einen Leiterwagen voll an und tragen die Stücke gleich ins Haus. Am Tag kommen die Kontrolleure. Sie dürfen nichts finden.

Vater hackt Wurzeln von Ginsterbüschen, die im Sommer so schön gelb blühen, Wurzeln, die in die Schützengräben ragen. Er legt sie in den Leiterwagen. Wenn dieser voll ist, zieht er ihn nach Hause, wir zwei kleinen Kinder müssen schieben. Vater ist sehr grau und schwach. Er spricht nicht mit uns.

 

Dies geschah, nachdem der Vater drei Monate in Untersuchungshaft war. Dann wurde er entlassen, freigesprochen. Der Vorwurf war, er habe ohne Genehmigung ärztliche Tätigkeit ausgeübt. Dies erfuhr ich kürzlich von einer Historikerin aus Karlsruhe. Das „Spruchkammerverfahren“ war bereits abgeschlossen, er als „Mitläufer“ eingestuft.  Aber er durfte nicht als Arzt tätig sein und konnte nicht über seine Konten verfügen. Wir lebten von den Ersparnissen der Mutter.

 

Niemals in dieser Zeit wurde über die vergangenen zwölf Jahre Naziherrschaft gesprochen, nicht zu uns kleinen Kinder, obwohl wir es vielleicht verstanden hätten, und nicht zu den Großen. Erst viele Jahre später sprachen die Eltern und Tanten davon, aber mit Widerwillen, Widerwillen über das Regime und Widerwillen über das Gespräch darüber. Vater war nicht in der Partei, sagten sie. Aber irgendwann später fand ich ein Passfoto von ihm mit Parteiabzeichen. Vater war Beamter und als solcher musste er wohl in der Partei sein, aber er hatte nicht den Mut zur Wahrheit.

 

Bald nach dem Wiedereinzug in unser Haus wurden uns Flüchtlinge zugewiesen. Alle Leute mussten Flüchtlinge aufnehmen, aus Ostpreußen, Schlesien, dem Sudetenland, aus Kroatien…

 

Es sind fremde Leute zu uns gekommen. Sie sprechen anders, aber wir können sie verstehen. Eine alte Frau mit zwei großen Söhnen, einer großen Tochter und einem Bub etwa in meinem Alter, aber viel größer und breiter. Die Frauen tragen Kopftücher, sie riechen anders als wir. Sie wohnen unter dem Dach. Dort gibt es zwei Zimmer. In einem ist ein Waschbecken. Sie haben Bündel mitgebracht, sonst nichts. Der Bub, Leo, spielt nicht mit uns – und wir spielen nicht mit ihm. Vater sagt, sie kommen aus der Batschka, aber wir wissen nicht, wo das ist. Vater und Mutter kümmern sich nicht weiter um sie. Wir können sie nicht zum Essen einladen, wir haben kein Essen. Sie bekommen Essensmarken wie wir.

 

Die großen Söhne sind bald weg. Sie arbeiten auf einem Bauernhof in Niederbayern, aber wir wissen auch nicht, wo das ist. Später fährt Mutter zum Hamstern hin. - Die Flüchtlinge bleiben lange bei uns.

 

Da wir erst im August einzogen, konnte im Garten nichts mehr angepflanzt werden, so dass wir im Winter 45/46 stark an Hunger litten.

 

Mutter fährt zum Hamstern. Sie fährt mit dem Güterzug in Begleitung von Tante Hilde nach Niederbayern. So sagen die Tanten. Nach ein paar Tagen sind sie wieder da. Mutter hat fünf Pfund Mehl und ein paar Zwiebeln. Wir sind sehr enttäuscht.

 

Was man über die Essensmarken beziehen kann, reicht nicht zum Leben. In der Stadt verhungern alte Leute.

 

 

1946

 

Wir haben ein schmales Feld neben der Siedlung mit Mais bestellt. Der Mais ist reif und soll morgen geerntet werden. Am nächsten Morgen ist das Feld leer. Es bleibt nicht ein Kolben. Andere haben geerntet, aber nicht für uns.

 

Wir haben Hühner. Es kommt ein Mann zum Zählen des Viehs, das man hat. Man darf nur fünf Hühner und einen Hahn haben. Das ist Vorschrift. Wir haben aber zehn Hühner und einen Hahn. „Sie haben also fünf Hühner und einen Hahn und sonst keine Tiere“, sagt er. „Hier unterschreiben Sie!“ In diesem Moment kommen unsere vier Enten oben vom Garten herunter. Der Kontrolleur macht den Mund auf, dann schüttelt er den Kopf, macht kehrt und verschwindet um die Garage herum. Er hat wohl Mitleid mit den vielen Kindern.

Auf dem Gartenweg fliegt Max, der Hahn, auf meinen Kopf und hackt mit dem Schnabel in meine Stirn, ich schreie und renne den Hang hinab, es blutet und ergibt später eine Narbe.

 

Wir haben einen elektrischen Brutkasten für Hühnereier, mit rot karierten Vorhängchen, sehr schön! Wir Kinder erleben, wie Küken schlüpfen, es ist sehr spannend. Sie pochen von innen an die Schale, bis sie sich öffnet, dann drängen sie sich kräftig hinaus. Sie sind erst ganz feucht, aber schnell trocknen sie, öffnen die Augen und stellen sich wacklig auf die Beinchen. Sie piepsen fein, sind bald leuchtend gelb und plusterig und schön. Ich lasse sie über meine nackten Beine laufen.

Mutter lässt eine Glucke auch Enteneier ausbrüten. Nach dem Schlüpfen gehen die kleinen Enten in den Teich, die Glucke ruft verzweifelt, aber ohne Erfolg, kleine Enten wollen schließlich schwimmen!

Mutter hält immer mehr Tiere, kürzlich hat sie zwei Flugenten gekauft. Als sie erwachsen sind, fliegen sie eines Tages einfach übers Haus davon.

 

Ohne die unermüdliche Arbeit der tüchtigen Mutter und ihrer Schwester Lina – Tante Lina – wären wir verhungert. Zeitweise waren wir mehr als zehn Personen: die beiden Eltern und die Tante, sechs Kinder, Vaters Mutter und einer seiner Brüder.

 

Vater baut Kartoffeln im Garten an. - Aus alten Bretten nagelt er vier Hasenställe, vorn mit Maschendraht. In jeden kommt ein Kaninchen, also kein Hase, die kennen wir vom Feld; sie sind größer und haben viel längere Ohren.

 

Vater näht bei einem Kind eine große Risswunde an der Hand. Mutter, die Krankenschwester und Hebamme war, macht die Äthernarkose. Der Äther riecht gut. Ich bin fünf Jahre alt und schaue mit großen Augen zu.

 

Auf dem Feld mit dem Ginster, das unsere Siedlung vom Flughafen trennt, haben sich Leute niedergelassen. Sie haben aus Brettern und Blech eine Bude gemacht, in der sie wohnen. Sie haben drei Kinder. Der Vater ist auch alt. Er versucht, Kartoffeln und Bohnen um seine Hütte herum anzubauen. Außerdem hat er zwei Schafe und ein paar Hühner. Sie sind sehr arm, noch ärmer als wir. Wir spielen manchmal mit den Kindern, aber sie bleiben uns doch fremd.  

 

Manchmal fahren Amerikaner mit einem offenen Auto durch die Strasse. Sie bauen eine Bahnlinie vor dem Wald, hinter ihren Baracken. Sonst sehen wir nicht viel von ihnen, aber wir hören ihre Flugzeuge, die über unser Haus fliegen, wenn sie auf dem Flughafen landen wollen. Einmal stürzt ein Flugzeug ab. Der Pilot ist wohl raus gesprungen, aber er fällt ohne Fallschirm in den Boden. Wir Kinder laufen am nächsten Tag hin. Wir sehen das Loch, das er beim Stürzen aus der Höhe hinterlassen hat und die Trümmer des Flugzeugs. Er tut mir sehr leid.

 

Ein anderes Mal wollen zwei Düsenjäger auf dem Flughafen landen, der aber zu klein für solche Flugzeuge ist, wie meine Brüder sagen. Sie fahren über die Landebahn hinaus und krachen in Bäume und Gärten. Beide Piloten sind auch tot.

 

Wir  bekommen ein Paket aus Amerika. Wir haben Verwandte in Amerika, aber sie schicken uns nichts. Dies ist ein Carepaket. Es ist ein wahres Wunder, was es alles enthält. Corned beef in Büchsen, Kaffee, Kekse und Schokolade. Ich bekomme auch ein Stückchen, in Silberpapier eingepackt. Als ich dieses abnehme, fällt die Schokolade auf den Boden und unser Hund frisst sie. Alle lachen – außer mir. Es ist das einzige Carepaket, an das ich mich erinnere.

 

Tante Lina arbeitet manchmal beim Heumachen auf einem Hof außerhalb des Dorfes. Die Leute heißen Grenzis, und man sagt, sie seien Russen. Der Bauer ist nach dem anderen Krieg hier geblieben und hat den Hof aufgebaut. Er pflügt mit einem großen, gelben Ochsen, der Max heißt. Tante Lina erzählt, dass der Ochse Punkt 12 Uhr, wenn die Glocken vom Kirchturm im Dorf läuten, mitten in der Furche stehen bleibt und keinen Schritt weitergeht. Herr Grenzis spricht dann mit ihm, Max, bitte, nur noch diese eine Furche! Aber Max will jetzt in den Stall und sein Futter haben. Am Abend laufen Tante Lina und ich mit einem Liter Magermilch als Lohn den weiten Weg nach hause zurück.

 

Der 14jährige Sohn von diesen Leuten wurde direkt am Kriegsende von Franzosen an das grüne Scheunentor gestellt und erschossen.

Unser direkter Nachbar, Herr Blank, wurde auf seinem Balkon ebenfalls erschossen. Seine ältere Tochter hatte sich hinter ihm zu bergen versucht. Sie wurde im Gesicht schwer verletzt und war ganz entstellt. Als sie erwachsen war, ging sie in ein Kloster.

 

Mutter nimmt mich mit in die Stadt. Ich sitze auf dem Gepäckträger hinter ihr, es ist hart. Wir fahren durch den Wald. In der Stadt wohnen ihre Schwestern. Sie hat zwei Brüder und fünf Schwestern, meine Tanten. Sie sind alle sehr lieb zu uns Kindern, wir sehen sie oft, sie kommen auch zu uns zu Fuß hinaus.

 

Die Tanten wohnen in der Bismarckstrasse. Die Strasse ist zerstört, ich meine, es gibt viele kaputte Häuser, von denen nur das Gerippe steht. Das Haus, in dem sie wohnen, ist aber noch da. Sie wohnen unten. Gegenüber ist ein großer Berg von Schutt. Es gibt schmale Schienen und Loren. Alte Frauen und Männer schaufeln Schutt in die Loren. Andere ziehen sie fort zum Engländerplatz, wie Mutter sagt. Dort gibt es einen sehr großen Berg mit Schutt.

Es ist eine große Wohnung, in der meine Tanten wohnen, Emele, Hilde und Friedel. Tante Friedel wartet auf Onkel Ernst, er ist in Gefangenschaft. Vorn sind große Räume mit Parkett und alten Möbeln. Ganz hinten gibt es eine schöne, große Küche mit blauen Plättchen an den Wänden. Die hohen Schränke sind weiß und haben vorne auch blaue Plättchen mit Figuren.

 

Wenn man drei Stufen hochgeht, findet sich ein Rollladen und wenn man ihn öffnet, so kann man Teller und Schüsseln hineinstellen. Man zieht an einem Seil und das Essen fährt in den ersten Stock. Im Hof ist schwarzes Kopfsteinpflaster, und es stehen hohe Bäume da, die Schatten geben. Weiter hinten ist ein Garten mit Teelaube, Rosen und anderen Blumen, ich glaube, sie heißen Phlox. Zu den Nachbarn ist ein Drahtzaun, aber dort drüben ist es wunderschön: Grotten und Tropfsteine, kleine Wege und viele Zwerge. Manchmal gehen wir hinüber, um alles zu sehen.

 

Tante Lina wohnt jetzt bei uns und hilft uns, weil wir so viele Kinder sind. Tante Marie ist die Älteste. Sie ist verheiratet und wohnt nicht hier, aber sie kommt mit dem Fahrrad und bringt einen Rübenkuchen mit. Die Schwestern setzen sich an einen Tisch vor der Laube. Sie trinken Malzkaffee. Guni und ich werden von einem Mann fotografiert.

 

Onkel Erich ist angekommen. Ich glaube, er war bei den Amerikanern in Gefangenschaft. Er ist jünger als der Vater. Die großen Buben waren frech,

ich weiß aber nicht, was sie angestellt haben, jedenfalls schlägt er sie mit der Hand. Sie laufen alle um den Küchentisch herum. Der Älteste landet schließlich mit dem Hintern im Putzeimer und ist ganz nass. Onkel Erich hat sich die Hand verstaucht. Es ist sehr aufregend – und am Ende auch lustig, es lacht aber niemand.

 

Sommer 46

 

Wir haben einen jungen Ziegenbock und gehen mit ihm spazieren. Wir lagern uns im Sand hin und spielen mit ihm. Er ist sehr lustig und macht so ulkige Sprünge. Wir können ihn mit Gras füttern, er ist ganz zahm. Er ist wie mein Bruder, nur jünger. Der jüngere Bruder. Dann ist er wieder weg. Ich weiß nicht, was sie mit ihm gemacht haben.

 

Es ist sehr heiß. Tante Lina, meine Schwester und ich gehen durch Mohnfelder zum Baggersee. Der Mohn ist reif, wir öffnen Mohnkapseln, streuen den schwarzen Samen in die Hand und lecken ihn auf. Er schmeckt nach Nüssen.- Wir sitzen am Wasser. Tante Lina hat einen schwarzen, verschossenen Badeanzug an, wir unsere Unterhosen. Wir können noch nicht schwimmen. Tante Lina kann auch nicht schwimmen, dennoch geht sie mit uns bis zum Bauch ins Wasser und hält uns, damit wir nicht ertrinken.

 

Meine Brüder erzählen, dass sie ohne Aufsicht zum Baggersee gehen und dass sie heute den Zweitältesten vor dem Ersaufen gerettet haben. Er war von einem Brett ins Wasser gefallen. Es ist schön am Baggersee. Das Wasser ist warm und ganz klar. Manchmal gibt es kleine Fische und Frösche.

 

An der Wäscheleine hängt Bettwäsche. Ich gehe drunter durch, Mutter schreit. Ich laufe weg, aber sie folgt mir und gibt mir eine Ohrfeige. Ich finde das nicht gerecht. Der Wäsche ist gar nichts passiert, und ich habe es nur in Gedanken gemacht. Ich nehme es ihr übel, weil ich immer brav bin.

 

Die Wäsche wird im Keller im großen Kessel gekocht. Dann auf dem Waschbrett mit Kernseife und Bürste bearbeitet. Tante Lina hat das anfangs fast ganz alleine gemacht, aber jetzt haben wir eine Waschfrau, die mit dem Fahrrad aus dem Dorf kommt und ihr hilft. Wir sind zehn Personen.

 

Die Oma ist die Mutter des Vaters. Sie isst mit uns, aber sie wohnt in einem Zimmer bei den Nachbarn gegenüber. Vater, scheint mir, kümmert sich nicht sehr um sie. Sie spricht wenig, nennt uns Kinder nicht beim Namen. Sie ist vielleicht schon zu alt. Später ist sie bei der Schwester meines Vaters, die auch Lina heißt, wo wir sie mal besuchen. Sie sieht Tiere an der Tapete und fuchtelt herum. Die Tapete ist voller Muster und auch ich kann darin Tiere sehen.

 

Wir haben einen Hund, einen Airedaleterrier, es ist aber eine Hündin. Als Mutter ein Kind war, haben sie auch so eine Hündin gehabt, die Hex. Unsere heißt Ase. Mutter geht mit ihr zu einem Hundeplatz und bildet sie als Wachhündin aus. Sie ist sehr schlau und aufmerksam und versteht jedes Wort.

Wenn ein Einbrecher kommt, und es kommen immer wieder Einbrecher, so springt Ase den Mann an und steht mit geöffnetem Rachen knurrend vor ihm. Er bleibt dann immer stehen und sagt: „Gut Pollack! Nix machen!“

 

Herbst, Winter 46

 

Es gibt kein Brot, kein Mehl, keine Kartoffeln, kein Öl oder Fett, keine Milch, nur gestohlene Rüben.

 

Eines Morgens finden wir viel Blut vorn auf unserer Haustreppe. Blut auch auf den Schlacken der Straße und auf den Treppen der Nachbarn.

Die Eltern erzählen, dass es in der Nacht geklingelt hat, sie aber aus Angst nicht öffneten und sich auch gar nicht trauten, hinaus zu schauen. Es stellt sich heraus, dass in der Nacht in einem kleinen Fichtenwald in der Nähe ein älterer Mann von zwei jungen Burschen aus dem Dorf wegen einer Schuhnähmaschine mit der Axt auf den Kopf geschlagen wurde. Er hat sich von dort in unsere Siedlung geschleppt, weil er wusste, dass hier ein Arzt wohnt. Er wankte blutend in der Dunkelheit von Tür zu Tür, aber niemand öffnete, auch Vater nicht, der ein Telefon hatte und wohl auch selbst hätte helfen können. Der Mann starb, weiter kriechend, am Ende der Straße. Ich war fünfeinhalb Jahre alt, ich war beschämt. Ich bin es noch. Gewiss, es war eine unruhige, gefährliche Zeit. In der ehemaligen Kaserne waren viele Männer von allen Ländern untergebracht, displaced persons. Man hatte Angst vor Überfällen. Trotzdem – Vater war nicht mutig.

 

Mutter, Tante Lina und wir zwei Kleinen gehen in den Wald. Wir legen ein großes Tuch unter eine Buche und sammeln fleißig Buchelen, die braunen Samen von den Buchen, die man mit den Fingern aufmachen muss und die gut schmecken, um daraus Öl pressen zu lassen. Ich schlafe am Baum ein und träume von Zwergen, die in den Höhlen der Bäume wohnen.

 

Vater soll ein Hähnchen schlachten. Wir Kinder schauen ungerührt zu. Er legt das Tier auf den Hackklotz und schlägt mit dem Beil den Kopf ab, aber dann lässt er es erschrocken los. Es flattert über Nachbars Zaun – ohne Kopf!

Ein Kastenwagen mit Plane erscheint vorn an der Straße. Sie läuten mit einer Kuhglocke. Wir laufen hinaus. In dem Wagen haben sie zwischen Stroh einige Ferkel, die sie anbieten. Mutter kauft ein Ferkel, es ist rosa und noch klein, wir tragen es vorsichtig nach Hause. Es wird mit Abfällen gefüttert, Gemüseabfällen vom Garten und Rübenschnitzeln, später mit Kartoffelschalen.

Dann ist es ein großes Schwein, der Watz. Ich gehe mit Vater zum Stall, wir blicken in den Schweinekoben. Vater spricht mit dem Schwein und sagt, er könne es hypnotisieren; er erklärt, was hypnotisieren ist. Er spricht lange und ruhig mit ihm, es legt sich schließlich auf die Seite und schließt die kleinen, hell bewimperten Äuglein. Ich glaube Vater nicht, das mit dem Hypnotisieren, er hat mich angeschwindelt, dem Schwein war es nur langweilig!

 

Vater erzählt: „Heute Nacht haben sie versucht, in den Stall einzubrechen und das Schwein zu stehlen. Der Hund in der Küche hat angeschlagen. Ich bin mit den großen Buben hinaus, wir haben uns mit Hacken und Spaten bewaffnet und sind dem bellenden Hund gefolgt. Einer der Einbrecher war über den Zaun zum Nachbarn gestiegen, aber dort war ein zweiter Zaun für die Hühner, so dass er nicht weiter konnte und sich hin kauerte. Als er aufstand habe ich ihm eins mit der Schaufel über den Kopf gegeben, aber er ist dann doch davon gelaufen.“ Vater schildert es als Heldentat.

 

1947

 

Es gibt einen Maibaum beim Rosenhof. Der Rosenhof heißt so, weil es früher dort so nach Müll stank. Jetzt ist es eine Gastwirtschaft. Die Erwachsenen machen mit den Kindern Eierlaufen und Sackhüpfen. Ich bin nicht gut darin.

Die Eier kullern mir immer gleich vom Löffel. Beim Sackhüpfen falle ich sofort  auf die Nase; der Sack ist viel zu groß und schlingt sich um meine Beine. Am Maibaum hängen ganz oben kleine Geschenke. Viele Buben versuchen, hinauf zu klettern, sie bleiben aber in der Mitte stecken. Als alle wieder unten sind und niemand mehr zusieht, als vielleicht meine Mutter, klettere ich hinauf bis ganz oben und hole mir ein Päckchen. Beim Runterrutschen bekomme ich dann viele Spreißel in den Händen, Füßen und den nackten Beinen. Das Päckchen enthält ein Dominospiel, wir spielen es am Abend.

 

 

Unsere Strasse heißt Heidestrasse, die Siedlung Heidesiedlung. Für uns Kinder ist sie groß, aber es gibt nur drei Strassen: die Heidestrasse, die früher General Litzmann-Strasse hieß, dahinter die Rosmarinstrasse, als dritte die Rosenstrasse. Von hinter der Rosenstrasse kann man das Dorf sehen, wenn die Bäume keine Blätter haben. Hier ist ein Hang, den wir bei Schnee mit dem Schlitten herunterfahren. Er heißt Postbuckel.

 

Von uns aus können wir durch das Verbindungstürchen zu Göbels in den Garten und – durch ihren Hof – auf die Rosmarinstrasse. Von dort kommen wir durch die Tore und Höfe und Gärten bis in die Rosenstrasse. In dieser kennen wir die Leute nicht mehr so gut. In der Rosmarinstrasse aber alle.

Und alle Leute nennen uns beim Namen und stecken uns einen Apfel zu.

 

Schräg gegenüber unserem Haus ist ein alter, verwilderter Garten. Die Haselbüsche, die Holunderbüsche und die alten Rosenbüsche sind sehr hoch, unten mit Brombeeren verwachsen. Es ist alles ganz dicht und undurchdringlich. Wir haben uns aber doch niedrige Weglein gebahnt, durch die wir schlüpfen. In der Mitte des alten Gartens gibt es nämlich ein Hexenhäuschen, das man von vorn gar nicht sieht. Es ist groß, aus dunklem Holz, oben mit zwei Türmchen. Die Läden sind geschlossen und man kann nicht hinein. Aber es gibt eine Veranda, auf der man spielen und sitzen kann. Die Giebel sind geschnitzt und bunt bemalt. Die Schnitzereien sind auch um die Fenster, in grün. Es ist wunderschön und wie im Märchen von Dornröschen.

 

In unserer Strasse vorn auf unserer Seite wohnt ein Mann, der sehr klein ist. Er hat aber ein großes Herrenrad. Der Mann selbst hat einen runden Rücken und einen sehr kurzen Hals. Wir stehen oft vor seinem Tor, er lächelt uns an, wir lachen auch und sagen Guten Tag. Er heißt Dutzek. Herr Dutzek führt sein großes Fahrrad heraus. Um aufzusteigen, hat er eine Erfindung gemacht. Die Hinterachse ist verlängert und ganz glänzend poliert. Er steigt nun auf einen großen Stein, stellt das linke Bein auf die verlängerte Hinterachse, stößt sich ab und schwingt das rechte Bein aufs Rad. Dann fährt er ganz ruhig davon, winkt uns aber noch einmal. Er weiß, dass wir zwar neugierig, aber nicht böse sind. Manchmal sind wir in seinem Garten. Ein langer Sandweg führt auf das Gartenhaus aus Holz zu, in dem er wohnt. Er hat sehr schöne, gut geschnittene Obstbäume, besonders Pfirsiche, Birnen und Quitten, alle in Form von Spalieren. Die Beete sind eingefasst und glatt gerechelt. Aber in seinem Häuschen waren wir nicht. Es muss sehr schön sein, vielleicht mit kleinen Stühlchen und Tischchen wie bei den Zwergen.

 

Am Nachmittag im Sommer geht immer ein alter Herr mit Anzug, weißem Hemd und Krawatte oder Fliege und einem Spazierstöckchen in der rechten Hand sehr flott durch unsere Straße zu seinem Garten. Der liegt vorn an der Hauptstraße. Es fährt aber niemand über diese Straße, so dass er in seinem Garten Ruhe hat. Er zieht sich dann in der Gartenhütte um und arbeitet mit freiem Oberkörper lange an den Gemüsebeeten.

In der Mitte des Gartens steht ein großer Brunnentrog mit grüner Pumpe. Der Schwengel der Pumpe ist aber viel länger als bei uns. - Gegen Abend nach der Arbeit pumpt er eine Weile, damit frisches Wasser im Trog ist. Dann steigt er in Badehose hinein und bleibt lange darin sitzen. Er badet und genießt das kalte Wasser. Wir bewundern ihn. Später zieht er sich wieder an und läuft mit Anzug und Stöckchen in die Stadt zurück.

 

Gegenüber wohnt Herr Kniel, mit dem der Vater oft spricht. Herr Kniel sagt immer am Ende eines Satzes: „Wenn´s wahr ist!“ Vater benutzt das oft als ´geflügeltes Wort´, wie er sagt. Ist das nicht hübsch? Geflügeltes Wort! Ich stelle mir ein Wort mit Flügeln vor.

 

Herr Münch vorn in Nummer 10 ist groß und stark. Er arbeitet auch mit freiem Oberkörper, trägt aber eine Schürze. Die Beine sind frei. Er ist ganz braun, auch auf dem Kopf, auf dem ein paar weiße Haare sind. Er lacht immer

mit uns. Im Herbst macht er Wein. Er hat viele Reben mit grünen Trauben im Garten und am Haus. Die schüttet er in seine grüne Weinpresse, legt dicke Holzbohlen darüber und presst mit einer Stange, die er zu sich her zieht. Für mich ist das zu schwer, er lacht mich aus.

An der Seite fließt der Most in Bottiche, die er dann in ein großes Fass füllt. Es kommt ein Gärröhrchen darauf, später im Keller. Ich weiß nicht, wie er das Fass in den Keller kriegt. Vielleicht rollt er es.

 

Als der Wein im nächsten Februar fertig ist, bringt uns der Herr Münch ein Krügle davon zum Probieren. Zum Abendessen trinken die Eltern und die Tante den Wein. Sie sagen, es sei ein dünner Sauerampfer. Und Mutter beschließt, im Herbst selbst Wein zu machen. Wir haben nämlich eine große Rebe hinter dem Schuppen, in dem der Schubkarren und zwei alte Fahrräder stehen. Es ist eine Amerikanerrebe. Ich wusste gar nicht, dass die Amerikaner auch Reben haben!

 

 

Wieder bin ich mit Mutter in der Stadt, sie versucht, etwas zu ergattern, ich glaube, Handschuhe für die Kinder. Es wird gerade Winter. Es gibt viele Ruinen. In der Kaiserstrasse fehlen viele Häuser, man sieht tief in die Kellerlöcher hinein, hier wachsen schon kleine Bäumchen. Vor anderen Ruinen sind Bretterbuden aufgeschlagen, in denen etwas verkauft wird. Mutter sucht und spricht mit den Leuten. Alle sind alt. Sie haben dunkle Mäntel an.

 

Gegenüber der Hauptpost steht ein alter Mann neben einem schwarzen Ofen mit einem schönen, kleinem Ofenrohr, aus dem Rauch heraus kommt. Er brät Kastanien, Mutter sagt Maroni. Sie kauft für zehn Pfennig Maroni und wir essen sie gemeinsam. Sie schmecken sehr gut, aber es sind nicht viele. Ich bin sehr dünn. Meine Brüder ärgern mich. Sie sagen: „Stopfnädele“ und „Du gehst durchs Schlüsselloch.“ Es macht mir aber nichts, ich bin es gewöhnt.

 

Neben meinem Vater laufe ich ins Dorf. Er redet nichts. Wir betreten einen Friseurladen. Der Friseur  schneidet mit einer Hundeschere meine schönen, blonden Locken ab, er rasiert mich über den Ohren. Ich sehe im Spiegel aus wie alle älteren Buben, hässlich und dumm. Ich weine nicht. Auf dem Nachhauseweg gehe ich weit hinter dem Vater her, der mich auslacht. Er hat mir nicht gesagt, was geschehen würde. Ich werde ihm das nie verzeihen.

 

Nach Ostern komme ich in die Dorfschule, sechs Jahre alt. Ich bin der Kleinste, wegen der Magermilch, sagt die Tante.

Nur am ersten Tag bringt mich meine Mutter mit dem Fahrrad hin, danach gehe ich immer zu Fuß. Es gibt keine Schuhe. Mutter hat uns welche aus Maisstroh geflochten, die Sohle besteht aus zerschnittenen, alten Fahrradreifen.

Der Weg ist vielleicht nicht sehr weit, aber wir brauchen fast eine Stunde.

Die Straße besteht aus grauem Schotter mit tiefen Löchern und ist eine Birnbaumallee. Im Herbst liegen ganz viele gelbe und grüne Mostbirnen da, die von den Wespen gefressen werden, diejenigen, die nicht gesammelt wurden, weil sie beim Fallen schon zerplatzt sind.

Im Juni stehen die Kornfelder so hoch, dass sie weit über unsere Köpfe reichen. An den Rändern wachsen Klatschmohn und Kornblumen, das sieht sehr schön aus. Ende Juli wird das Korn mit der Sense geschnitten.

 

Meist gehe ich mit Kati, sie ist ein Flüchtlingsmädchen, aber sie spricht fast so, wie ich. Kati ist meine Freundin, sie hat lange, blonde Zöpfe; wir sprechen viel miteinander. Meine Schwester Guni hat lange, braune Zöpfe, die dann seitlich wieder hochgebunden werden und Affenschaukeln heißen. Ich gehe auch mit anderen Mädchen. Auf dem Nachhauseweg legt sich die Heidi, die auch blond ist, aber kürzere Haare hat, an einen kleinen Abhang am Straßenrand in die Sonne. Sie zieht ihr Kleidchen hoch und streift ihr weißes Höschen ab. Sie reicht mir einen trockenen Strohhalm und möchte, dass ich sie kitzle, da, wo bei mir der Zipfel ist. Ich tue das gern. Wir lächeln dazu. Heidi ist schön, ganz glatt und weiß.

 

Wir haben einen Ranzen auf dem Rücken, den schon die älteren Brüder hatten. Darin sind eine Schiefertafel, die auch die Brüder hatten, und ein Griffel. Aus dem Ranzen rechts hängt an einer Schnur ein Schwämmchen und

ein Lappen. Wir lernen schreiben und rechnen auf der Tafel. Erst später, im zweiten Schuljahr, haben wir Hefte. Der Ranzen und unser ganzes Aussehen ist so, wie bei der „Hasenschule“.

Alle Buben haben kurze Hosen an, die Mädchen Kleider. Im Winter kommen lange, braune Strümpfe dazu, die an einem Strumpfband um den Unterbauch hängen. Oben haben alle von ihren Müttern gestrickte Pullover in verschossenen Farben, weil sie aus anderen, alten Pullovern, die aufgezogen wurden, gestrickt sind. Meiner ist dick, hellblau, kratzt und ist viel zu groß.

Meine kurze Hose ist grün. Mutter hat sie aus den Resten eines Soldaten -mantels genäht. Lange Hosen gibt es nicht. Die Mädchen haben auch diese langen, braunen Strümpfe, das ist sehr hässlich. Erst viel später im dritten Schuljahr bekommen wir dicke, blaue Turnhosen für den Winter.

 

Die Bänke und Schreibpulte im Klassenzimmer sind sehr alt, verkratzt und mit Tintenflecken übersät. Vorn oben ist ein Tintenfass eingelassen, wir dürfen es nicht benutzen. In der Pause schmieren wir aber den Nachbarn mit dem Finger blau.

Es gibt einen großen, eisernen Ofen und eine Landkarte, ich weiß aber nicht, was sie zeigt, ich glaube, den Rhein und den Schwarzwald. Da waren wir aber noch nicht. Der Boden ist auch schmutzig, am schmutzigsten sind die Latrinen im Hof, jedenfalls bei den Buben. Es gibt nur eine Rinne am Rand, der ganze Betonboden ist nass und stinkt; ich gehe fast nie hinein.

Die Böden der Räume und Gänge sind aus Holzbrettern, die schön laut dröhnen, wenn wir drüber rennen.

 

Im Dorf gibt es einen Schmied, in seiner Werkstadt war ich, es gibt eine Esse und einen Amboss, hat er mir erklärt. Vater sagt, er beschlägt die Pferde mit Hufeisen. Aber Pferde gibt es gar nicht. Er macht Gitter wegen der Einbrecher

und hohe Tore. Er hat zwei Söhne im Alter meiner Brüder, die ihm helfen. Sie sind stark, ich möchte auch so stark werden.

 

Es gibt auch einen Schuster, der die Schuhe von Vater besohlt. Wir Kinder haben erstmal keine Schuhe. Der Schuster ist auch alt, wie fast alle Leute. Er trägt eine staubige, blaue Schürze und sitzt vor einem Eisenständer, auf dem ein Schuh umgekehrt liegt. Der Schuh ist auch alt. Hier gefällt es mir nicht, aber zu dem Schmied, Herrn Wagner, gehe ich bald wieder.

 

Manchmal müssen wir Kartoffelkäfer sammeln, die sollen die Amerikaner von Flugzeugen abgeworfen haben, weil es nämlich bei uns früher keine Kartoffelkäfer gab.

Im Mai gibt es sehr viele Maikäfer, am Abend schwirren sie um unsere Köpfe.

Wir greifen uns welche und sperren sie in eine leere Streichholzschachtel, in die wir ein Luftloch gebohrt haben. Dann lassen wir sie am nächsten Morgen im Klassenzimmer fliegen, aber nur in der Pause, denn der Lehrer Vogel ist sehr streng. Manchmal spielt er die Geige und singt wie ein Rabe. Wenn er den Mund weit öffnet beim Singen, fallen ihm die oberen, falschen Zähne herunter, das ist mir sehr peinlich. Er drückt sie dann mit dem Zeigefinger wieder hinauf.

 

Er hat einen langen Rohrstock, mit dem er Tatzen auf die Hände gibt, mir aber nicht; ich bin immer brav und habe meine Hausaufgaben gemacht. Einen Buben, Uggele genannt, er ist ein Schelm, schlägt er. Ich muss aufstehen von der ersten Bank. Lehrer Vogel drückt den Buben mit dem Oberkörper darauf, dann spannt er seinen Hosenboden und schlägt wild darauf. Uggele macht eine große Pfütze vor die Bank, einige Kinder weinen. Uggele wird nach hause geschickt. Am nächsten Tag trägt er dieselbe, gelbliche Leinenhose. Es ist wohl seine einzige.

 

In unserer Straße steht eine Laterne, dort können wir am Abend sehr viele Maikäfer sammeln, die wir dann unseren Hühnern füttern. Die Eier schmecken dann nach Maikäfer.

 

Maikäfer, flieg,

Dein Vater ist im Krieg,

Deine Mutter ist im Pommerland,

Pommerland ist abgebrannt,

Maikäfer, flieg!

 

Ein Kind von heute kann sich das gewiss nicht vorstellen. Die Maikäfer sind ausgestorben, von DDT vernichtet worden. Wo einst Tausende waren, ist jetzt nicht Einer. Und die Bienen? Hast Du dieses Jahr Bienen gesehen? Zwei? Jetzt sind die Bienen dran und mit ihnen die Früchte des Gartens und die Vögel. Wann wird man endlich die Chemie- und Agrarindustrie an die Leine legen? Bisher laufen sie frei herum.

 

Der Schulhof liegt etwas über der Straße, ich halte mich am rostigen Geländer. Die Straße besteht nur aus festgetretenem Sand mit tiefen Löchern, mitten im Dorf. Eine alte, schwarz gekleidete Frau geht mit einem Stock in der linken Hand, sie führt zwei knochige Kühe hinter sich her, die einen großen Wagen mit Mist ziehen. Sie gehen sehr langsam. Warum hat sie keine Pferde, wie in unseren alten Bilderbüchern?

 

Die Bauern sind sehr arm und alt, junge gibt es nicht, die sind alle tot oder in Gefangenschaft. Der Boden besteht aus Sand und ist wenig fruchtbar. Sie haben keine Pferde, weil man sie ihnen weggenommen hat. Aus dem gleichen Grund gibt es nirgendwo ein Auto oder Lastwagen, das Land ist autofrei!

Es ist eine längst vergangene Zeit. Die Dinge waren noch so, oder wieder so, wie sie hundert Jahre vorher auch schon waren. Die Veränderungen, die in schneller Folge zur heutigen Zeit führten, begannen erst nach 1950.

 

In der großen Pause rennen wir hinter den Gärten vom welschen Teil des Dorfes zur Schule des deutschen Teiles. Wir haben kleine Kännchen dabei und erhalten Schulspeisung: Kakao und einen Amerikaner.

 

Dies war ein Hefebrötchen, die Schulspeisung eine Spende der Quäker: Quäkerspeisung. Ganz wollten sie uns doch nicht verhungern lassen. Vielleicht brauchten sie uns noch gegen die Russen, wie es ja dann auch tatsächlich geschah.

 

Der Lehrer Vogel ist nicht mehr da, wir haben Frau Unger als Lehrerin. Sie ist viel jünger und freundlich, sie schlägt niemand. Wir haben sie alle gern; sie ist blond.

Weil ich so klein bin, finde ich auf dem Schotterweg nach Hause von der Schule oft verbogene Nägel oder auch alte Knöpfe, die ich aufsammle und nach hause bringe, wir können sie noch brauchen. Einmal finde ich ein Strumpfband, das ich Tante Lina schenke.

 

Tante Lina singt manchmal mit uns und sie beobachtet meine Schulaufgaben, helfen muss sie aber nicht. Sie hat eine schöne, hohe Stimme, früher hat sie im Kirchenchor gesungen. Sie singt Kinderlieder und manchmal auch die erste Strophe von Kirchenliedern. In die Kirche gehen nur die Nachbarn Blank, die sind katholisch. Wir gehen nicht in die Kirche, wir sind evangelisch.

 

Tante Lina singt:

 

Kommt ein Vogel geflogen,

lässt sich nieder auf dein Knie…

oder

Regentropfen, die an dein Fenster klopfen,

die sagen dir, das ist ein Gruß von mir.

 

Sie singt auch manchmal lustige Sachen von früher:

 

Was machst du mit dem Knie, lieber Hans, beim Tanz?

 

Auf den Feldern um unsere Siedlung gibt es im März ganz viele Lerchen. Vater erklärt uns: sie sind Zugvögel. Etwas später fliegen sie in Kreisen nach oben und tirilieren. Nach einiger Zeit, die sie weit oben, kaum sichtbar, mit Singen verbracht haben, stürzen sie schnell herunter, ich glaube, zu ihren Nestern am Boden. – Im März gibt es auch viele Hasen, die schnell hinter einander herlaufen und kaum bemerken, dass wir kommen; die Ase verfolgt sie oft und alles Rufen nützt nichts, sie kommt lange nicht. Gebracht hat sie aber noch keinen.

 

Unser Garten ist sehr schön im Frühling. Vorn am Zaun sind große Fliederbüsche, weiß, hell- und dunkelviolett und gelbe Büsche mit Dolden. Vater hat alle rechtzeitig geschnitten. Dann steht da noch ein japanischer Kirschbaum, der seine rosa Blüten tief herunter hängen lässt. Davor ist das Kartoffelfeld, es sind aber noch keine im Boden.

In unserem Garten  gibt es im Sommer ganz viele Schnaken, vor allem, wenn wir grüne Bohnen pflücken sollen, dann kommen ganze Wolken von Schnaken heraus und fallen über uns her. Gleich mehrere sitzen auf unseren Handrücken, am Hals und an den nackten Beinen und fangen auch gleich an, Blut zu saugen. Wir schlagen schon gar nicht mehr drauf, denn es sind gleich wieder andere da. Manchmal warten wir aus Bosheit, bis sie sich voll Blut gesaugt haben und schlagen dann erst zu. Es gibt einen großen Blutfleck. Es juckt ein bisschen, aber dick und rot wird es bei mir nicht mehr, ich bin es schon ganz gewöhnt. Man kann sowieso nichts dagegen tun.

 

In unserer Siedlung, weiter vorn zum Flughafen hin, gibt es jetzt eine Biberfarm. Wir Kinder gehen alle oft hin und sehen uns die Bieber an. Sie sind einzeln hinter einem Zaun, haben ein Wasserbecken aus Beton und nagen mit ihren großen, gelben Zähnen an Stöckchen herum. Wir bringen ihnen Möhren aus dem Garten. Sie sind sehr schön und tun mir leid, weil sie nur so wenig Platz haben. Wir Kinder haben viel Platz und können überall herumrennen.

Mutter lässt sich später einen Biberpelz machen, aber ich weiß nicht genau, wann. Der Mantel hängt im Schrank mit Mottenkugeln, und sie trägt ihn nie.

 

Ich bin wohl zu spät geweckt worden, jedenfalls habe ich nicht die Zeit, in die Schule zu laufen. Meine Mutter bestimmt meinen um sieben Jahre älteren Bruder Gunter, mich mit dem Fahrrad in die Schule zu fahren, er hat jetzt ein altes Herrenrad mit Stange. Er fährt mich auf der Stange in die Schule, aber schimpft die ganze Zeit laut, dass er das jetzt für mich machen muss. Ich will nie wieder von ihm irgendwohin gefahren werden.

 

Vorn an unserer Straße, gegenüber der neuen Biberfarm, ist ein alter Bunker. Man sieht nur die schrägen Eingänge vorn und hinten aus Beton. Sonst sieht man nur einen mit Gras bewachsenen, gewinkelten Wall, unter dem wohl der Bunkergang liegt. Wir wollten immer gern hinein sehen, aber die Türen sind aus Stahl. Wir wissen auch gar nicht, wozu der gedient hat, denn wir sind ja in die großen Bunker im Wald gerannt, wie Mutter sagt. Diese sind jetzt gesprengt. In unserem krummen Bunkergang macht ein Mann eine Champignon-Zucht. Wir bekommen aber keine Champignons von ihm, nur manchmal sammelt die Tante Wiesenchampignons. Die dünstet sie dann mit ein bisschen Öl und Petersilie.

 

Der eine züchtet Bieber, der andere Champignons. Mutter will jetzt eine Hundezucht machen. Ase ist nämlich eine reinrassige Airedale -Terrier -Hündin. Mutter lässt sie also decken, wie sie sagt. Ein paar Wochen später kommen in der Küche die Jungen zur Welt.

 

Das erzähle ich gleich, aber jetzt klingelt es auf der Straße: der Milchmann kommt. Es ist ein alter Mann mit Schnauzbart, Herr Brunn. Er sieht aus, wie sein Hund, ein grauer, mittelgroßer Schnauzer. Dieser hat ein Geschirr an und muss den kleinen Wagen mit den zwei Milchkannen ziehen. Mein Bruder und ich gehen mit einer Henkelkanne hinaus und kaufen einen Liter Milch. Auf dem Rückweg schleudert der Bruder die volle Kanne im Kreis, ohne etwas zu verschütten. Ich bewundere ihn sehr.

Vater erzählt: Der Brunn, der züchtet Schnauzer, der hat mich mal mit in seinen Keller genommen. Er hat mir ein Pökelfass gezeigt: Schauen Sie, das ist bestes, gepökeltes Hundefleisch! Er isst seine Hunde!

 

Schwere Zeiten erzeugen skurrile Leute.

 

Also, Ases Junge kommen gerade in der Küche auf die Welt. Wir Kinder schauen zu. Sie sind erst in einer Haut, die Ase mit Zähnchen und Zunge vorsichtig entfernt und die Kleinen, die nacheinander ankommen, dann am Bauch schleckt, damit sie atmen. Es ist sehr spannend. Schließlich sind es sieben Stück. Sie haben ganz glatte, runde Köpfchen und fest geschlossene Augen. Bald krabbeln sie zum Bauch der Mutter, um Milch zu trinken, dabei patschen sie so ulkig mit den Pfötchen. Etwas später machen sie schon kleine Ausflüge in Kiste und Küche und hinterlassen überall ihre kleinen Häufchen.

Als sie nach drei Wochen die Augen öffnen, sind sie noch süßer. Sie haben mehr Fell und wenn man sie auf den Arm nimmt, riechen sie so gut, eben wie kleine Hundlen. Mutter hat mit einem Bindfaden schon die kleinen Schwänzchen abgebunden. Sie, die Welpen, haben arg gepiepst, aber jetzt trocknen die Stümpfe ab. Airedaleterrier haben ja nicht so lange Schwänze.

Dann müssen alle, Ase und ihre sechs Junge, das Siebte fehlt jetzt, ich weiß nicht, warum, in den Zwinger und wir gehen hinein, um mit ihnen zu spielen. Es ist das Schönste, das ich kenne!

 

Später verkauft Mutter alle, bis auf Ali. Der ist ein Männchen und stark und wunderschön. Sein Fell ist tiefschwarz mit den braunen Stellen, die alle haben. Er ist bei uns im Hof und im Garten und sehr munter und fröhlich. Aber nach einem Jahr stirbt er auf der Holzkiste in der Küche neben dem Herd an der Staupe. Wir sind alle sehr traurig, auch die Erwachsenen, wir Kinder weinen lange.

 

Mutter sagt, es sei immer noch schlecht. Sie könne uns nichts zum Anziehen kaufen, nur Wolle zum Stricken für Strümpfe und Fausthandschuhe für den Winter und Schals und mal einen Pullover, der kratzt. Nach dem Abendessen stopfen Mutter und Tante Lina unser aller Strümpfe. Sie sitzen am Tisch im Esszimmer und sind weiter fleißig, wenn wir schon lange im Bett sind. Ich schlafe im mittleren Zimmer bei meinem ältesten Bruder, der schon in die Lehre geht. Er ärgert mich immer nach dem Licht ausmachen:

 

Licht aus

Messer raus

Drei Mann zum Blutrühren.

 

So ein Idiot!

 

Auf dem Feld hat ein alter Mann mit einem Kastenwagen, das von einem der wenigen Pferde - das ist, glaube ich das erste, das ich sehe - gezogen wird, Sand geholt. Nach und nach entsteht ein Loch, größer und größer. Er fährt den Sand zu Baustellen in der Stadt. Er arbeitet ganz allein, aber doch wird das Loch immer breiter und tiefer. Vorher hat niemand gebaut. Auch in unserer Straße wird ein Haus gebaut, zwei Stockwerke, aber viel kleiner, als unseres. Das Dach ist fertig – und dann bleibt es so stehen, roh, ohne Fenster. Allerhand dunkle Gestalten gehen am Abend hinein. Vater sagt, sie brechen ein und stehlen. Tatsächlich wird jetzt überall in der Siedlung eingebrochen. Vater sagt auch, dass es beim Hitler keine Einbrüche gegeben habe, man habe die Türen nicht abschließen müssen. Er erzählt, dass Leute gehängt wurden, die ein Schwein schwarzgeschlachtet hatten. Mir erscheint die Strafe zu groß zu sein, für ein Schwein. Was ist schwarzschlachten?

 

Die Grube, die der Mann auf dem Feld allein mit der Schaufel gemacht hat, ist nun schon so groß, dass er mit Pferd und Wagen hinunterfahren muss. Erst viel später bekommt er einen Lastwagen. Da ist es schon eine Kiesgrube.

 

Es gibt noch eine sehr alte Kiesgrube, bei uns ist alles Sand und weiter unten Kies. In dieser wachsen Schilf und kleine Erlen, kommt man ans Ufer, so springen die Frösche ins Wasser. Wir fangen Kaulquappen und tun sie in ein Marmeladeglas von Tante Lina. Sie sind sehr interessante Tiere, manche haben zwar einen Schwanz, aber schon vier Beinchen. Viele gehen so an Land und beginnen zu hüpfen.

 

In unserer Siedlung kennen wir jetzt fast alle Leute, weil wir in ihren Gärten herumrennen dürfen, was wir jeden Nachmittag tun. Wir kennen auch viele Häuser von innen, die Leute sind freundlich zu uns, vielleicht, weil wir auch freundlich sind und nichts anstellen, nur halt neugierig, und weil wir die Kinder vom Doktor sind, den sie vielleicht mal brauchen. Die Nachbarn erzählen uns interessante Sachen. Hofmanns zum Beispiel fangen Amseln, wie, weiß ich nicht, aber sie fangen Amseln und machen eine Suppe daraus.

 

Unser Nachbar Göbel ist fast der einzige jüngere Mann in der Heidesiedlung, er war in der Marine, erzählt er, in Norwegen auf der „Blücher“, die dort unterging. Er legte seine Kleider ab und sprang ins Wasser, vier Grad kalt. Er schwamm mit einigen wenigen Anderen auf eine kleine Insel, wo sie sich die ganze Nacht mit Laufen warm zu halten suchten – und dann gerettet wurden.

 

Es gibt noch einen zweiten Nachbarn, der bei der Marine war, Herr Plattner, ein sehr großer und starker Mann. Er soll einmal seinen Kapitän mit einem Arm über Bord gehalten und gedroht haben, ihn fallen zu lassen. Sie haben ihn überwältigt und eingesperrt, dann aber als Verrückten entlassen. Das hat uns aber der Vater erzählt, nicht der Herr Plattner, der zu uns Kindern sehr freundlich ist. Nur seine eigenen und seine Frau schlägt er im Keller.

 

Vater darf wieder arbeiten. Er kauft ein schwarzes Damenrad.

 

Gestern war ich in der Stadt bei meinen Tanten. Tante Hilde ist mit mir in den Schlossgarten gegangen, der vorn gegenüber der Bismarckstraße liegt. Er ist sehr schön mit hohen Kastanienbäumen und es blüht viel. Aber die Orangerie und das Schloss selbst sind noch zerstört, doch sogar die Ruinen sind noch schön, bis auf die Trümmerhaufen, die da liegen. Tante Hilde sagt, dass das Schloss wieder aufgebaut und repariert werden muss.

Gegen die Stadt zu, ich weiß aber nicht, wie die Straßen alle heißen, außer der Akademiestraße, sieht man nichts als Trümmer, nur einzelne, halb wieder hergerichtete Häuser. Tante Hilde kauft mir eine Bretzel, sie kostet 10 Pfennig. Ich sitze dann noch eine Weile bei der Tante im hinteren Zimmer. Vorn hat der Vater jetzt eine Praxis eingerichtet. Mutter hilft ihm. Ich warte, bis meine Eltern nach Hause fahren, ich hinten auf Mutters Rad.

 

Bei sehr schlechtem Wetter sitzen meine Schwester und ich oben auf der Treppe. Im oberen dunklen Flur gibt es einen alten Bücherschrank mit vielen Büchern, Kinderbücher aller Art und Brehms Tierleben, sehr interessant, aber staubig; ich muss niesen und die Nase geht mir zu. Aber wir haben keine neuen Bücher.

 

Im Wintergarten haben wir jetzt an zwei Fenstern Glasscheiben, die die Tante Emele besorgt hat, und nicht nur Sperrholz und Bretter. Das gestohlene Holz, das wir hier versteckten, ist weg. Mutter stiehlt kein Holz mehr, wir feuern jetzt mit Kohlen. Im Wintergarten stehen ein runder Tisch und vier Stühle, Tante Lina hat zwei Kaktuspflanzen auf der Fensterbank.

Wenn man die Tür öffnet, kommt man auf die Terrasse, sie ist mit großen Sandsteinplatten belegt, zwischen denen Unkraut wächst, das wir ausrupfen sollen. Davor ist ein Steingarten mit vielen Eidechsen, grüne und braune. Vater sagt, die grünen sind die Männchen. Manchen fehlt ein Stück Schwanz, Vater meint, das wächst nach. Ich habe aber oft Eidechsen mit Stummelschwänzen gesehen. Nach dem Regen spielen wir mit den Weinbergschnecken, sie bewegen sich so schön langsam, aber wenn man kurze Zeit später wieder hingeht, sind sie doch schon ganz woanders. Wenn man sie anfasst, ziehen sie sich ganz schnell in ihr Haus zurück, kommen aber bald neugierig wieder hervor und schauen mich mit ihren schwarzen Augen auf den Stielen genau an, ich tue ihnen aber nichts.

 

Wir haben Würmer! Vater düngt die Beete im Garten mit der Jauche aus unserer Grube im frühen Frühjahr. Er hat eine lange Stange, an der vorn ein Stahlhelm als Schöpflöffel befestigt ist. Er schöpft die Jauche, mit allem, was darin ist, in den rostigen Schubkarren und fährt die schwappende Brühe dann auf das Feld, die Brüder müssen sie unterhacken. So bekommen wir riesige, süße Möhren, die aber bei uns Gelberrüben heißen, mit zwei r.

Nein, im Sommer müssen wir nicht so hungern. Schon Ende Juni, wenn wir aus der Schule kommen, klettern alle auf den großen Frühkirschbaum drüben vor Blanks Gartenzaun und essen so viele Kirschen, dass wir Bauchweh haben. – Vater hat den Garten gleich so anlegen lassen, dass es alle Obstsorten und Nüsse geben sollte. Da hatte er ja schon vier Kinder.

 

Bald gibt es auch Johannisbeeren, weiße, rote und schwarze. Die Ase zieht mit ihren vorderen Zähnchen die Beeren einfach vom Stängel, der am Johannisbeerstock hängen bleibt. Es folgen die frühen Pflaumen, die Mirabellen, die schwarzen Kirschen, von denen wir aber nicht so viele essen sollen, weil sie eingemacht werden für den Winter.

Und sieben Sorten Äpfel, ich habe sie alle gezählt, und alle schmecken anders! Die Birnen sind gelb, grün und rot. Und Pfirsiche sowieso, mehrere Bäume.

Tante Lina und die Mutter, besonders aber die Tante, verarbeiten das Obst während des ganzen Sommers am Nachmittag. Ihre Finger sind  braun und rau. Sie machen die Pfirsiche ein in Gläser. Sie kochen Marmelade aus Kirschen, Mirabellen und Zwetschgen, ganz im Herbst aus unseren Quitten. Quittenmus ist besonders gut, bloß Butter gibt es nicht. Mein erstes Butterbrot esse ich 1948 - ein halbes.

Tante Lina klebt auf die Gläser noch ein Schildchen, auf dem in ihrer schönen, winzigen Schrift

 

Pfirsichmarmelade

steht.

 

Im Herbst gibt es Haselnüsse und sehr viele Walnüsse. Der Hund legt sie dann auf einen flachen Stein, knackt sie seitlich und isst die Kerne säuberlich, die Schalen lässt er liegen. Wenn der Nussbaum das Laub abwirft, recheln wir große Haufen zusammen und bauen uns darin Höhlen.

 

Ase hat, weil sie wieder Junge bekommt, eine große Höhle gegraben, der Vater ist hineingestürzt. Wir haben heimlich ein bisschen gelacht.

 

Herbst 1947

 

Das Schwein ist geschlachtet worden!! Es soll furchtbar geschrieen haben, als der Metzger es abholte. Ich war in der Schule, ich bin erst sechseinhalb Jahre alt. Die Eltern sagen, das hat uns gerettet.

Wir schauen beim Metzger im Dorf in den Kessel, in dem die Blut- und Leberwürstchen kochen. Am Abend gibt es Metzelsuppe. Das schmeckt mir nicht, aber allen andern. Die Würstchen sind auch gebracht worden, sie werden auf Besenstielen über die Badewanne gehängt. Die Würstchen schmecken gut auf Brot, besonders die Leberwurst, die gut nach Kräutern riecht und grau ist. Aber Brot ist zu wenig da. Die großen Brüder, die schnell wachsen, haben immer Hunger. Brot gibt es auf Marken, Mutter holt es am frühen Morgen mit dem Fahrrad im Dorf. Die Brüder bestehen darauf, dass sie ihr Brot in einem Stück ausgehändigt bekommen, sie essen es dann auch in einem Stück: gleich darauf haben sie wieder Hunger. Das Essen schmeckt aber jetzt besser, weil Mutter Schweineschmalz hinein tun kann, in die Graupensuppe, die Kartoffelsuppe und ins Sauerkraut.

 

Die Badewanne ist von einer Brandbombe kaputt, aber es gibt sowieso kein warmes Wasser. Wenn wir mal gebadet werden sollen, heizt Tante Lina den Waschkessel im Keller an. Sobald das Wasser ein wenig warm ist, schöpft sie es mit einem Eimer in eine Zinkwanne, in der wir beide, Guni und ich dann sitzen. Auch die Haare werden mit Kernseife gewaschen, das brennt in den Augen und meine Schwester heult. Im Keller ist es kalt, deswegen baden wir im Winter nicht, wir werden mit kaltem Wasser gewaschen.

 

Wir haben die Masern, sie haben unsere Betten ins Esszimmer gestellt, wo es warm ist und wir dann liegen, wir sind ziemlich krank. Sonst sind wir aber nicht krank, außer den vielen Gerstenkörnern an den Augen; wir sitzen dann abends am Ofen, drücken weiße Lappen daran und halten sie ans Auge. Das Gerstenkorn soll aufgehen, damit der Eiter abfließt. Es gibt keine Salbe, auch beim Doktor nicht, der unser Vater ist.

 

Vorn in der Siedlung, zum Wald und der Kaserne hin, wohnt ein Schrotthändler. Er ist ein grober Klotz und schreit immer, aber gutmütig. Wir lungern viel bei ihm herum. Daneben wohnen Zigeuner, die aber eine Hütte und keinen Wagen haben, wie in unseren staubigen Kinderbüchern. Sie heißen Rose und sehen auch nicht anders aus, als alle anderen armen Leute, bloß mit schwarzen Haaren. Sie sind Vaters Patienten, er sagt, sie waren im KZ, er erklärt uns aber nicht, was das ist.

 

 

Plötzlich habe ich ein rotes Tretauto, ich weiß nicht, von wem. Vielleicht von meiner erwachsenen Kusine Gretel, die meine Patentante ist und sehr großzügig. Es ist alt, aber sehr schön. Wir fahren damit im Hof herum, müssen das Auto aber immer über die Abflussrinnen heben, in denen es stecken bleibt. Auf der Straße können wir damit nicht fahren, sie besteht aus grober, brauner Schlacke.

Im Keller haben wir Rollschuhe aufgestöbert, sie sind von unseren Brüdern. Man bindet sie mit Riemen an die Schuhe (ja, Schuhe haben wir jetzt auch, jeder ein Paar Halbschuhe). Wir können damit auch nur im Hof fahren und versuchen, über die Rinnen zu hüpfen, fallen aber immer auf die Knie. Wenn wir draußen auf der Straße fallen, und das passiert oft, weil wir so schnell rennen, bluten die Knie gleich von den scharfkantigen Schlacken, die schwarz gesprenkelte Narben hinterlassen.

 

Onkel Ernst ist gekommen, habe ich das schon erzählt? Er ist der Mann von Tante Friedel, die rote Haare hat und mir mal eine Ohrfeige gegeben hat, natürlich ohne Grund. Onkel Ernst war in Gefangenschaft in Kroatien, wie er sagt, aber zum Vater; wir sind zu klein. Er ist Schriftsteller und schreibt wieder für die Zeitung, die der Vater auseinander schneidet für Lokuspapier. Ich lese das manchmal, verstehe aber nichts, es ist auch langweilig.

Onkel Ernst geht oft mit Vater in unserem Garten auf und ab, redet mit Händen und Füßen und ist ganz aufgeregt, Vater sagt, wegen eines Romans.

 

Vater erzählt, dass wir jetzt neues Geld kriegen. Jeder bekommt 40 Mark. Ich denke, 40 Mark, so viel, was mache ich damit? Aber Guni und ich bekommen nur jeder 10 Pfennig für unsere Sparbüchse.

 

Wir haben gar keine Sparbüchse!

 

Also wollen wir unser Geld in eine leere Streichholzschachtel tun, finden aber nur eine, so müssen wir unser Geld zusammenlegen. Das 10- Pfennigstück ist gelb und ganz neu. Vorn steht eine 10, hinten ist ein Eichblatt.

 

Bald gibt es mehr zu kaufen, Mehl, Trainingshosen und ich esse mein erstes halbes Butterbrot. Ich habe nicht so viel Hunger, ich kann nicht viel essen, ich bin sehr dünn, das sehe ich selbst.

In unserem Haus gibt es keine Musik, außer, wenn Tante Lina singt. Aber ihre Freundin von der Post, die Annie Weih, die von Zigeunern stammt, spielt Klavier, das gefällt mir so gut. Sie sagt, es ist Schumann. Was ist Schumann?

 

Vater arbeitet immer mehr, Mutter hilft ihm in der Praxis. Oft, wenn er heimkommt, hat er Migräne, das sind starke Kopfschmerzen. Er setzt sich dann im Dunkeln an den Radiotisch, in dem früher seine Zigaretten waren, jetzt aber nur alte Brillen liegen, und hält sich den Kopf. Wir müssen ganz leise sein. Ein Radio haben wir natürlich nicht, aber die Tante Friedel hat eines von früher. Manchmal abends klappert der Vater mit ein paar Fünfmarstücken in seiner Jackentasche. Fünf Mark bekommt er für einen Hausbesuch mit dem Fahrrad.

 

Dann ist die Konfirmation. Mein Bruder Gunter wird 14.

 

Alle meine Tanten und Onkel sind eingeladen, Mutter will einen grossen Nachmittagskaffee mit Kuchen machen. Dafür braucht sie aber noch Mehl und Kaffee. Das bringt der Onkel Ludwig, den ich noch nicht kenne.

Am Samstag früh knattert es im Hof, Onkel Ludwig fährt mit seinem Motorrad herein. Meine Brüder laufen herbei und sagen sofort: das ist eine NSU Max. (Noch ein Max, nach dem Ochsen und unserem Hahn). Ich habe noch nie ein Motorrad gesehen. Es ist schwarz und glänzend. Er selbst, Onkel Ludwig, trägt eine braune Lederhaube, die er aufmacht, aber auf dem Kopf behält und eine braune Lederjacke.

Meine Onkel sind alle schon älter, sie waren nicht in diesem Krieg, sondern im Krieg davor, deshalb, glaube ich, leben sie noch.

Onkel Ludwig hat rote Apfelbäckchen, viele Fältchen und sieht sehr lustig aus. Er ist auch lustig und macht Witzchen, die ich aber nicht verstehe; die Mutter und die Tante lachen aber. Vater ist nicht da.

Onkel Ludwig arbeitet als Vertreter für Lebensmittel, schon immer. Er fährt im ganzen vorderen Schwarzwald herum und besucht die kleinen Geschäfte in den Dörfern. Er sagt, er kennt jedes und alle Besitzerinnen kennen ihn und nennen ihn beim Vornamen.

Deshalb kommt er an Mehl und Kaffee.

Tante Lina macht Kaffee von dem, den er gerade mitgebracht hat. Sie schüttet Bohnen in die gelbe, hölzerne Kaffeemühle, klemmt sie zwischen die Knie und dreht so lange, bis alle gemahlen sind. Das Pulver gibt sie mit einem kleinen Löffel in die Kanne, eine kleine; wir haben auch eine große, von der die Erwachsenen ihren Muckefuck trinken, ich glaub´, das ist Malzkaffee. Dann gießt sie den Kaffee durch ein Sieb, das aber bei uns Seierle heißt, in des Onkels Tasse. Er ist dünn. Mutter und Tante Lina trinken auch eine Tasse und sagen: ist der gut!

 

Onkel Ludwig lässt sich nicht beirren und erzählt weiter seine lustigen Geschichten, die ich nicht verstehe, immer mit der Lederhaube auf dem Kopf.

Onkel Ludwig ist der Mann von Tante Marie, Mutters ältester Schwester, sie ist 18 Jahre älter als sie. Sie hat meine Mutter als Kind auf dem Arm gehabt und sie hat sich geschämt, weil die Leute meinten, es sei ihr Kind, erzählt Mutter.

 

Dann ist die Konfirmation.

 

Mein Bruder Gunter hat einen schwarzen Anzug an, keine Ahnung, woher, wahrscheinlich geliehen von den älteren Vettern. Jedenfalls gibt es einen großen Nachmittagskaffee mit Kuchen. Alle Tanten und Onkel kommen, sogar Onkel Willy aus Mannheim. Er ist auch lustig. Er ist Sportredakteur beim „Mannheimer Morgen“, aber fast taub nach der Verschüttung im anderen Krieg. Die Tanten tragen ihre Sonntagskleider.

Wir haben einen sehr langen Tisch im Wohnzimmer am Fenster, das wieder aus Glas ist, mit weißen Tischdecken – und ich weiß gar nicht, wo das nun alles herkommt.

Tante Lina hat einen gefüllten Kranz gebacken und Nusshörnchen, Mutter eine Biskuittorte mit Sahne dazwischen. Alle trinken Kaffee und essen und sind sehr lustig und laut. Die Onkel fragen meine Schwester und mich, wie es in der Schule ist, und wir sagen immer: schön! Damit sind sie zufrieden. Guni und ich würden schon gerne draußen spielen und toben, aber wir kommen nicht weg.

Am späten Nachmittag spielt der jüngste Bruder des Vaters, Robert, die Ziehharmonika und sie singen dazu und sind ganz vergnügt. Dabei fällt mir auf, dass Onkel Ludwig nicht da ist – aber er hat immerhin den Kaffee und das Mehl gespendet, vielleicht nicht ganz freiwillig!

Am Abend um sieben gibt es noch Abendessen. Mutter hat alles zusammengekratzt, was wir haben, Leberwurst, Blutwurst und vor allem russische Eier. Tante Lina sagt uns, es gehört eigentlich Kaviar auf die Eier, das sind schwarze, kleine Fischeier. Da will ich keine russischen Eier mehr, obwohl wir gar keinen Kaviar haben. Sowieso kann ich nicht mehr essen als ein halbes Leberwurstbrot, weil ich um vier Uhr ein Stück Nusskranz gegessen und nach und nach drei von Tante Linas wunderbaren, gefüllten Hörnchen geknabbert habe, das war viel besser, als russische Eier. Die Erwachsenen trinken Bier und Wein. Vater spendet dann noch ein Zwetschgenwasser, das er in der Praxis geschenkt bekam.

 

Sommer 1948

 

Mutter sagt, es ist Messe und sie will gern mit uns dahin. Früher, als sie Kind war, gab es auch Messe, auf dem Messplatz, wie jetzt. Damals, erzählt sie, hat ihr Vater, mein Großvater, den ich nicht mehr kennen gelernt habe, weil er an einer Lungenentzündung gestorben ist 1925, sechs Wochen nach seiner Frau, meiner Großmutter, die an einer schlimmen Mittelohrentzündung starb, hat ihr Vater also damals auf der Messe Trompete gespielt, so schön, dass alle Leute stehen blieben und zuhörten.

 

Wir gehen also zur Messe. Wir gehen nicht, das ist zu weit, wir fahren von der Hauptpost mit der Elektrischen, das ist die Straßenbahn. Sie ist außen gelb mit einem roten Streifen und hat ein Wappen. Es sind zwei Wagen. Wir steigen vorne ein und müssen stehen, weil es keine Sitzplätze mehr gibt. Mir ist das ganz recht, ich kann dann sehen, was der Fahrer macht. Er hat eine blaue Uniform mit Mütze und steht an einer Kurbel. Wenn er losfährt, dreht er die Kurbel nach rechts, wenn er langsam fahren muss oder halten, nach links. Dann kommt der Schaffner, er hat auch eine blaue Uniform mit Mütze. Vor allem aber hat er zwei wunderschöne, alte, speckige Taschen umgehängt. Mutter sagt: „Eine Erwachsene und zwei Kinder!“  Sie bekommt aus der linken Tasche den Fahrschein. Die rechte Tasche hat vorn mehrere längliche Fächer aus Blech, für Zehner, Fünfziger und Markstücke. Wenn er Geld ´raus gibt, drückt er oben auf einen kleinen, glänzenden Hebel, und unten fallen ihm die Münzen in die hohle Hand, er braucht dann gar nicht mehr zu zählen, sehr praktisch!

Wir fahren durch die Kaiserstraße. Es ist Samstagnachmittag und die Geschäfte sind geschlossen, aber es gibt sowieso nicht so viele, nur das Kaufhaus Tietz.

Die Straßenbahn hält dann am Marktplatz; Mutter erklärt uns die Stadt, ihre und unsere Heimatstadt, die wir noch gar nicht kennen, weil wir ja in der Heidesiedlung wohnen, da kennen wir alles! Mutter zeigt von der Straßenbahn aus die Pyramide, der die Spitze fehlt. „Hier ist das Herz vom Großherzog beerdigt.“ Warum nur das Herz und nicht der ganze Großherzog?

„Gegenüber ist die Stadtkirche“, sagt sie. Dann sagt sie: „War die Stadtkirche!“

Denn es steht nur eine Wand und vorn ein paar Säulen. Auf der linken Seite können wir das Schloss sehen, weil alle Häuser weg sind. Mutter sagt, die Stadt ist wie ein Fächer, sie zeigt das mit ihrer gespreizten Hand. Man kann von allen Straßen das kaputte Schloss sehen. Was ist ein Fächer?

Als alle Leute aus und andere eingestiegen sind, fahren wir weiter durch die Kaisertrasse. Schutthaufen sind nicht mehr viele da. Manche Ruinen sind mit Balken abgestützt, damit sie beim Zusammenfallen niemanden erschlagen.

Am nächsten Platz steht eine große Kirche aus rotem Sandstein, es ist nur das Dach kaputt.

 

Wir steigen dann am Messplatz aus und sind gleich im Gewühl untergegangen.

Da ich so klein bin, sehe ich fast nichts. Aber es gibt Karussells mit Feuerwehrautos und Motorrädern, Schießbuden, Stände mit Zuckerwatte und Zuckeräpfeln. Und noch ein Gruselkabinett und eine Geisterbahn, aber wir gehen nicht hinein, Mutter sagt: “Wir hatten genügend böse Geister.“

Am besten gefallen hat mir die Familie der Zwerge, Mutter sagt, es sind Liliputaner.

Und die dicke Frau, die auf einem Thron sitzt im goldenen Kleid, wie eine Königin. Sie ist wirklich sehr dick, ungeheuer! Sonst sind alle Leute dünn, dicke sehe ich nicht.

Plötzlich finde ich auf dem Boden, auf den ich ständig sehe, weil oben so viele Leute sind, die mir die Sicht verstellen, 50 Pfennig. Mutter sagt, sie hat auch immer was auf der Messe gefunden, aber meistens nur Zehner. Von den 50 Pfennig kaufen wir dann gebrannte Zuckermandeln, die wir knabbern.

 

Ich will nächstes Jahr wieder auf die Messe!

 

Einmal gehen wir abends ins „Weiße Haus“. Wir müssen an der Forstner- Kaserne vorbei bis zur Landstraße, die zu den weiter entfernten Dörfern führt. Sie ist sehr schön, aus schwarzem und rotem Kopfsteinpflaster. Die Bäume des Waldes berühren sich ganz oben, so dass die Straße ganz beschattet ist. An der Seite ist ein Fahrradweg. Autos fahren nicht.

Wir kennen die Wirtsleute im „Weißen Haus“, vielmehr, meine Eltern kennen sie. Der Mann, Herr Fretz, betreibt noch die kleine Tankstelle vor dem Haus mit einer schönen, roten Zapfsäule zum Pumpen. Seine Tochter, die Frau Köpf, hat eine Tochter, die Edith, die hübsch aussieht; sie ist, wie fast alle Mädchen außer meiner Schwester, blond, aber ein bisschen fad. Sie besucht mich manchmal mit ihrer Mutter am Nachmittag zum Spielen in unserem Garten.

Es gibt panierte Schnitzel, die es bei uns nicht gibt, Bratkartoffeln und Salat.

Ich kann aber nur ein halbes Schnitzel essen. Ich bin noch immer so klein und dünn. Da es keine neuen Kleider gibt, muss ich aber auch nicht hinein wachsen.

 

Ich sitze auf Mutters Schoß. Sonst sitze ich nie auf Mutters Schoß, dafür hat sie keine Zeit. Jetzt aber haben wir aus der Schule Läuse mitgebracht und werden gelaust. Die Küchentür ist offen, die Abendsonne scheint herein.

Wir haben jetzt ein kleines, schwarzes Radio mit Drehknöpfen, damit der Vater Nachrichten hören kann. Sie sagen im Radio, dass der Krieg wieder ausgebrochen ist. Wir alle, außer Vater, weinen laut. Wir sind voller Angst.

 

Es war der Beginn des Koreakrieges.

 

Weihnachten 1948

 

Es ist doch besser geworden! Ja, es ist so, wie man es sich als Kind vorstellt, besonders vor Weihnachten. Da werden nämlich die Weihnachtskekse gebacken, die aber bei uns Weihnachtsbrödlen heißen. Das dauert! Es gibt so viele verschiedene, Zimtsterne, Spritzgebäck, Butterbackes – und alle haben einen anderen Teig. Mutter und die Tante machen das ab Mitte Dezember jeden Nachmittag. Wir Kinder helfen dabei, ausstechen und probieren. Der Teig ist immer sehr gut, fast besser, als die fertigen Kekse. Die ganze Küche riecht nach Gebäck, und ich glaube, das ist das Schönste an Weihnachten.

 

Schließlich hängt eine tote Gans am obersten Giebelfenster des Hauses an einem Nagel, zum Abhängen! Vater – nein, natürlich Mutter, hat einen Tannenbaum auf dem Fahrrad mitgebracht, und ich glaube, sie hat ihn nicht gestohlen, sondern bezahlt. Das Stehlen von Holz und Bäumen ist vorbei. Es war nur aus Not, sagt Mutter. Ohne das wären wir gleichzeitig verhungert und erfroren. Ich wäre, glaube ich, schneller erfroren, als verhungert, weil ich so wenig Essen brauche.

 

Der Baum kommt dann in einen grünen Ständer aus Gusseisen in die Ecke des Wohnzimmers, da, wo Vaters Bücher sind, und wir Kinder schmücken ihn mit Tante Linas Hilfe mit sehr altem Christbaumschmuck aus einer ebenfalls sehr alten, ovalen Lederschachtel, die selber schön ist. Am Ende kommen noch schmale Kerzen hinzu, aber nicht viele. Wir dürfen sie am Weihnachtsabend nur kurz anzünden, weil der Vater daneben steht und Angst hat, dass das ganze Haus abbrennt.

Unter dem Baum steht dann jedes Jahr eine große, hölzerne Eisenbahn von früher, mit denen schon meine Brüder gespielt haben – man kann nicht viel damit machen. Guni bekommt einen Kaufladen aus Holz, auch von früher, für den wir dann Tütchen mit Mehl, Gries, Zucker und Salz machen.

 

Dann müssen alle im Stehen „O Tannenbaum“ singen, meine Brüder machen aber nur den Mund auf.

 

Die Tanten Hilde (die immer die Namen verwechselt: zum Hund sagt sie René und zu mir Waule), Emele sowie Friedel mit Onkel Ernst sind auch da. Onkel Ernst setzt sich in Vaters Sessel, seine dicken Brillengläser funkeln, er redet begeistert Sachen, die ich nicht verstehe und fuchtelt mit den Händen. Dann schickt er meinen Bruder Gunter und mich in den Keller, um ein Krügle aus dem Fass mit unserem Schillerwein zu holen. Ich probiere den Wein mit dem Finger am Hahn, er schmeckt ganz süß, Gunter probiert aus dem Krug. Und da wir später noch oft in den Keller zum Weinholen müssen und er immer wieder probiert, wird es ihm später schlecht und er verschwindet ins Bett.

 

Wir essen dann Kasseler mit Kartoffelsalat, wie in allen späteren Jahren. Vielleicht haben schon die Eltern unserer Eltern und deren Eltern am Weihnachtsabend Kasseler und Kartoffelsalat gegessen.

Die Gans gibt es am ersten Weihnachtstag zu Mittag mit Klößen und Rotkraut. Bei neun Personen muss gut geteilt werden. Aber sowieso ist danach das Abnagen des Gestells in der Küche das Beste, alle fallen darüber her, die arme Gans!

 

Der Baum bleibt dann bis zum 6. Januar, Dreikönigstag, stehen. Er hat schon viele Nadeln verloren, obwohl es bei uns ja nicht so warm ist.

Ich mach´ mir nicht so viel aus Weihnachten, bei uns glaubt sowieso niemand ans Christkind. Vater sagt, er ist Atheist und erklärt es auch. Aber ich glaube ihm nicht, so dumm ist er nicht, er hat nur nicht den Mut. Ich glaube an Gott, aber halt nicht ans Christkind.

 

Bald kommt dann die Fastnacht!

Ich habe ein Stirnband um den Kopf mit einer Hühnerfeder. Einmal hatte ich auch eine Bussardfeder, die ich im Reisig, das ist das Ginstergestrüpp mit den Schützengräben dazwischen vor dem Flughafen, gefunden hatte. Dazu habe ich einen Gürtel und ein Messer, das ich aus Holz selbst geschnitzt habe.

Wir sind Indianer, meine Schwester eine Squah, die dunklen Zöpfe hat sie ja schon. Wenn wir nach dem Toben in unseren Kostümen hereinkommen,

essen wir ganz viele Fastnachtsküchle, ich natürlich nur zwei. Die Tante hat einen weichen Teig gemacht und die Küchle dann in heißem Öl gebacken, bis sie ganz braun und knusprig sind, innen mit einer Luftblase. Sie wälzt sie noch in Zimt und Zucker, das ist vielleicht gut!

 

Ich erhalte meine erste Zahnbürste; die Milchzähne sind schlecht, es gab ja auch keine Milch!

 

 

 

 

Sommer 1949

 

Vater hat einen Volkswagen!!

Einen schwarzen, nagelneuen Volkswagen mit rotem Kunststoff innen. Vorne ist eine kleine, weiße Vase, in die wir Kinder gleich Blumen stecken. Er hat zwei Türen und hinten eine schöne, geteilte Scheibe. Vater fährt mit uns die Straße einmal auf und ab.

Ein paar Tage später machen wir mit dem Auto einen Ausflug in den Schwarzwald. Wir steigen aus und essen Heidelbeeren. Es gibt viele Kurven im Schwarzwald und meiner Schwester wird es schlecht. Sie bricht dem Vater in den Nacken, die saure Heidelbeersoße läuft ihm ins Hemd und den Rücken hinunter.

 

Es geht jetzt alles viel besser bei uns.

 

 

 

Ende

Trouville s. mer oder die Offenbarung

Im Alter von 13 Jahren, 1954, schickten mich meine Eltern als Feriengast allein mit dem Zug nach Paris, Gare del Est. Ich trug einen hellgrauen Flanellanzug mit kurzen Hosen und war ein ziemlich kleiner, braver und dummer Bub. Ich stieg, wie alle Leute, aus und erwartete, von der französischen Familie abgeholt zu werden. Nach und nach leerte sich der Bahnsteig, bis ich ganz alleine neben meinem Köfferchen stand. Ich war nicht beunruhigt, ich wartete einfach. Schließlich, nach einer guten halben Stunde, kam mir vom Ausgang weit vorn eine alte Frau entgegen, fragte mich nach meinem Namen und nahm mich mit in die Bahnhofsmission, sie wies mir einen Stuhl an und reichte mir Tee. Ich verstand kein Französisch, in der Schule hatten wir seit drei Jahren Latein, aber noch kein Englisch oder Französisch, erst nach den Ferien  sollten Griechisch und Englisch hinzukommen.

 

Nach einer weiteren Stunde erschien ein Paar, er ein recht alter Mann mit Schnurrbart, Zahnlücke und Zigarette auf der Unterlippe, ein beret basque auf dem Kopf,  sie deutlich jünger, mollig und stark blondiert.

Wie ich später erfuhr hatte der Mann, der ein hoher Polizeibeamter war, inzwischen meine Eltern angerufen, um ihnen mitzuteilen, dass ich nicht angekommen sei! Jetzt aber nahmen sie mich freundlich mit, ich stieg in einen großen, schwarzen Citroen, mit den sie lange durch ganz Paris fuhren an den berühmten Sehenswürdigkeiten vorbei: Tour Eiffel, Les Invalides, Pantheon, Arc de Triomphe, Champs Élyssées…

Danach, es war schon 7 Uhr abends, hielten wir vor einem alten Haus in der Innenstadt, stiegen drei Treppen hoch in ihre Wohnung. Diese war eine weitere Überraschung, denn die Wohnung bestand nur aus einem größeren Raum mit Tisch, Stühlen und Kredenz. Die Schlafräume für Eltern und Kinder waren lediglich schmale Alkoven in der Wand mit offenen, dünnen Vorhängen. Neben dem Eingang der Wohnung gab es noch eine kleine Küche sowie eine Toilette, die ebenfalls nur mit einem Vorhang von der Küche getrennt war.

Nun erhielt ich ein Sandwich, bestehend aus trockenem Baguette, viel Butter und einer Scheibe Kochschinken. Da ich kein Wort französisch konnte, außer bonjour und merci, und beide kein Deutsch, konnten wir nur mit Gesten und begleitenden fremden Wortfetzen kommunizieren. Ein wenig französisch hätte ich vor den Ferien wohl lernen sollen, doch niemand forderte mich dazu auf.

Nun stiegen wir wieder in den Wagen und fuhren aus der Stadt in einen tief gelben Abendhimmel, ich schlief bald auf dem Rücksitz ein. Als der Wagen hielt, waren wir in Trouville angekommen, mitten in der Nacht.

 

Eine Frau mittleren Alters empfing uns, sie brachte mich in ein Zimmerchen, nachdem der Mann und die Blondine abgefahren waren. Und ich verstand, dass der Vater der Kinder, Monsieur C. mit seiner Freundin, Mme. la Maitresse, die Ferien verbrachte.

Am nächsten Morgen lernte ich Madame C. und die drei Kinder kennen: Joel, hoch aufgeschossen und 14 Jahre alt, Robert, 12 Jahre und Nadine, 10 Jahre, die immer so neugierig war, wenn ich später irgendwo am Strand hinter den Felsbrocken mein unschuldiges Wässerchen ließ. Zum Frühstück, und auch dies war völlig anders als bei uns, gab es Kakao in der Boule, dazu Baguette, vom langen Laib abgerissen und dick mit Butter beschmiert. Das wurde dann in den Kakao getunkt und laut schmatzend und schlürfend verspeist.

 

Gleich danach rannten wir zum nahen Strand bei Ebbe, ein Anblick fürs Leben: sechs Kilometer gelber Sand, in der Tiefe, nicht in der Breite! In der Breite sind´s wohl nur 1000 Meter, dann begrenzen rechts Felsen und ein ansteigender Berg den Gang, auf der linken Seite das umzäunte Freibad mit Sprungturm und der Hafen, der aus einem schmalen Kanal besteht und bei Ebbe trocken fällt.

In den folgenden vollen sieben Wochen, die deutschen Ferien betrugen nur sechs Wochen, die in Frankreich viel länger, gehörte der Strand und alles umher uns und einigen anderen französischen Buben. Wir suhlten im warmen Sand, wir gruben uns ein, wir bauten lange Bahnen mit Kurven  und Schikanen für unser Murmelspiel, wir schwammen bei Flut…

Wenn die Flut da war, kamen auch die Fischerboote in den Hafenkanal, machten fest und luden reichlich Fischkisten ab. Dann durften wir an Deck  umherlaufende Krabben nehmen, die Maman zubereitete. Gegen fünf Uhr sammelten wir uns immer in der Spielhalle am Strand, spielten babyfoot (Tischfußball) und Flipper und beobachteten die Älteren, die sich mit ihren Mädchen trafen und diese - sehr zu meiner Verwunderung – auf den Mund küssten. Meine 50 DM Taschengeld waren schnell verflogen, meine Tanten, denen ich lange Briefe schrieb, schickten mir etwas Nachschub.

Mittags gingen wir kurz heim, aßen traditionell steak - frites und Salat, den Madame in einem Drahtnetz auf der Gasse schleuderte. Am Nachmittag zog sich Madame ein Sommerkleid an mit dem dünnen, weißen Strickjäckchen um die Schultern, legte Rouge auf und ging aus. Das Haus war dann bis halb sieben geschlossen, auch für uns.

 Abends gab es Baguette mit Schinken und Käse, und so lernte ich schnell die ersten Worte: fromage, jambon… Unter der Anrichte stand eine Schachtel mit herrlichen Madelaines zum Nachtisch. Wir waren hungrig nach einem ganzen Tag am Strand!-  Das Haus war nur für die Ferien gemietet, ein schmales, altes normannisches Backsteinhaus mit Wendeltreppe und je einem Zimmer auf jeder Etage.

 

Diese sieben Wochen waren die längsten und erholsamsten Ferien meines Lebens.

Doch eines Tages lag ich allein am Strand und sah in ein „Tintin“-Heftchen von HERGÉ. Ich versuchte vergeblich, den Text zu lesen, verstand aber nur die Schimpftiraden des „Kapitäns“ (tonnere de tonnere de Brest!). Ich betrachtete die wunderbaren Zeichnungen und lernte daraus. Wenig entfernt von mir lag in einem Liegestuhl eine jüngere, kräftige Frau, die mich ansprach in perfektem Deutsch: „Bist du Deutscher? Weißt du, was die Deutschen mit den Juden gemacht haben? Sie haben sechs Millionen Juden aus ganz Europa auf bestialische Weise getötet, erschossen, vergast, gequält und verhungern lassen in Konzentrationslagern! Hat dir das niemand erzählt zu Hause und in der Schule?“

 

Ich war tief erschüttert, ich war beschämt und fühlte mich schuldig, einfach, weil ich Deutscher war. Das Thema hat mich nie wieder losgelassen. Ich habe viel darüber gelesen, in jüngster Zeit noch den Bericht von Ruth Klüger, die knapp Auschwitz-Birkenau, das Vernichtungslager (nicht das einzige!) überlebte im gleichen Alter, in dem ich damals in Trouville war. Und das Büchlein von Marcelline Loridans-Ivens. Nein, niemand hatte uns im Elternhaus oder der Schule dies je erzählt, auch das fand ich beschämend. Bis zum Abitur hat uns kein Lehrer darüber aufgeklärt, sie waren wohl alle belastet. Mutter, später auch der Vater Ende der 50iger Jahre sprachen die „Reichskristallnacht“ und Judentransporte an, Vater auch mal die Ermordung Behinderter, Schizophrener und anderer psychiatrisch Kranker.

 

Mit 13 Jahren von einer Jüdin aufgeklärt, denke ich noch immer über die Gründe dieses ungeheueren Verbrechens nach. Zu was ist der Mensch fähig! Jetzt, im Alter erst, beginnen sich die Ursachen zu erschließen.

 

Stimmt, ich habe jetzt breit mit einer Jugendgeschichte begonnen und gewartet, um das zu sagen: Hitler, Stalin, Mao, Pol Pot und viele andere wie Karadzic, waren geborene Massenmörder, Mord war ihre größte Freude. Alice Miller hat nicht recht! Nicht die Tatsache, dass Hitler wie Stalin von ihrem Stiefvater oder Vater geprügelt und misshandelt wurden, hat sie zu Massenmördern gemacht: Es ist angelegt, es ist „konstitutionell!“ Dieses Wort hat vor kurzem der Psychiater des Jugendgefängnisses in Zürich in einem Artikel der FAZ benutzt. Er berichtete über einen noch jugendlichen Sexualmörder, der schon als Kind Tiere, später seine Schwester quälte und mit 17 seinen ersten Sexualmord beging, ohne je schlechte Erfahrungen gemacht zu haben. Und was heißt nun konstitutionell? Das heißt genetisch! Diese Menschen sind genetisch Mörder. Es wird hohe Zeit, dass wir uns dieser Tatsache stellen.

Meine Gestalt, die Form meiner Nase, meine Begabung als zeichner und Maler sind genetisch. Eine Linkshändigkeit ist genetisch bedingt. Man wird ohne Zweifel bei allen Mördern, bei allen Massenmördern eine genetische Variante finden, wenn man nur danach forscht. Genetisches Material von Stalin, auch von Hitler und Mao, von Karadzic, von Anders Breivik ist noch da. Sucht danach!

 

Und schreitet ein mit allen Mitteln, wenn Mörder, wenn Massenmörder auftauchen, Beispiele gibt es genug.

Stalins Ende - Schauspiel

Das Stück bezieht sich ausdrücklich auf            

 

F.M. Dostojewski:  „Böse Geister“, früher mit Dämonen übersetzt.

 

Alexander Solschenizin:  „Die Eiche und das Kalb“

 

Lew Kopelew: „Aufbewahren für alle Zeit“

 

Warlam Schalamow: „Künstler der Schaufel. Erzählungen aus Kolyma 3“

 

General El Campesino: Die große Illusion

 

Und ganz speziell auf

 

Jörg Baberowski: „Der rote Terror“

 

Ein kurzes Vorwort

 

Was Stalin spricht, ist ihm in den Mund gelegt, allem liegt jedoch ein wirkliches, historisches Geschehen zugrunde, das in der genannten Literatur erwähnt ist: Die Konfiszierung des Getreides und der Kartoffeln bei den Bauern, vorwiegend in der Ukraine, die tausendfache Erschießung der „Kulaken“ (etwas wohlhabendere Bauern), die „Säuberungen“, d.h. Erschießungen und massenhaften Verurteilungen zu sibirischer Lagerhaft, Menschen, die Stalin und seinen mordenden Schergen im Sowjetsystem unliebsam waren oder gefährlich schienen, insbesondere ethnische Minderheiten jeder Nation, nicht nur die polnischen Offiziere und Intellektuellen bei Katyn – ein mörderisches Schreckensregime, das es in der Geschichte nie in diesem Maße gegeben hat – und das noch immer vielfach unbekannt ist und in Russland niemals aufgearbeitet wurde.

 

Die Zahlen der Ermordeten auf Befehl Stalins, der regelmäßig die Todeslisten abzeichnete,

geht an die 50 Millionen, wohl einschließlich der verhungerten und erfrorenen Zivilbevölkerung und Lagerinsassen. Zusätzlich 25 Mio gefallene Sowjetsoldaten, die beide, Hitler und Stalin, zu verantworten haben.

 

Bei den Lagern handelt es sich um Vernichtungslager, wie später bei Hitler. Woher dieser die Idee wohl haben mochte?

 

Zur Zarenzeit war der Vernichtungswille nicht vordergründig, wenn auch der massenhafte Tod durch Kälte, Hunger, Prügelstrafen und Krankheiten – die Tuberkulose grassierte dort –

dazugehörte. (F. M. Dostojewski: Aus einem Totenhause)

Auch heute gibt es in Russland, der direkten Nachfolgerin des Sowjetsystems, weiterhin Lager, etwa mit dem gleichen Zweck, wie zur Zarenzeit, nämlich nicht nur Ganoven, sondern auch politisch unliebsame Personen verschwinden zu lassen (Chodorchowski, Pussy Riot) und ebenso gefährlich für leib und Leben. – es gibt ja auch einen neuen Zaren, aus dem KGB hervorgegangen, mit allen Befugnissen und ohne jedes verläßliche Rechtssystem.

 

Hitler soll viel gelesen haben, wohl nicht aus literarischen, sondern aus teuflischen Interessen, um die Methoden totalitärer Macht kennen zu lernen. Er hat tatsächlich sehr viel übernommen von den Methoden, die schon in der frühen Sowjetzeit und besonders unter Stalin in den Zwanziger und Dreissiger Jahren (und natürlich bis zu seinem Tode) verwendet wurden.

Sogar sein National-SOZIALISMUS ist eine Imitation, ebenso der Personenkult und die unbeschränkte Macht der Geheimpolizei.

 

Immer werden viele Fragen an dieser schrecklichen, europäischen Geschichte offen sein, z.B. die Frage, welchen Einfluß das Schreckensregime der Französischen Revolution mit 200.000 Ermordeten, nicht nur in Paris mit der Guillotine, sondern beispielsweise in Lyon mit Massenerschießungen in Gräben hinein, auf die späteren Akteure im 20. Jahrhundert hatte und wie weit schon Karl Marx von diesen Ideen infiziert war.

 

Dostojewski hat den Mechanismus dieser Macht in „Böse Geister“ beschrieben und vorausgesehen: möglichst Viele zu Mitschuldigen am Mord zu machen, um sie umso fester an die Machthaber und ihre Verbrechen zu binden.

 

Es ist mir auch noch immer unbegreiflich, wie die Verbrechen Stalins bis weit in die 60 er Jahre im Westen recht unbekannt waren, so unbekannt, dass Intellektuelle wie Sartre oder – kürzer - Picasso, um nur zwei zu nennen, lange an ihnen festhielten und sich noch heute die Partei des derzeitigen französischen, völlig glück- und ahnungslosen Präsidenten, sozialistisch nennt. Offensichtlich wissen sie gar nicht, wovon sie reden!

 

Historiker mögen diesen Fragen nachgehen. Es wird mehr als eine Promotionsarbeit sein!

 

 

René Avold

Im November 2014

 

Personen

 

Jossif Wissarionowitsch Dschugaschwili. Nannte sich Stalin (der Stählerne)

 

Boris, sein Diener

 

Lawrenti Pawlowitsch Berija, Geheimdienstchef

 

Georgi Maximilianowitsch Malenkow, hohe Führungsperson unter Stalin

 

Nikita Sergejewitsch Chruschtschow, hohe Führungsperson, Nachfolger

 

Nikolai Alexandrowitsch Bulganin, hohe Führungsperson, Regierungschef unter Chruschtschow

 

Das Stück beginnt mit dem Film einer großen Militärparade auf dem roten Platz zum sowjetischen Nationalfeiertag am 7. November.

 

Stalin, Bulganin, Malenkow, Berija, Chruschtschow und andere Größen der Sowjetunion neben den Generälen grüßend auf der Tribüne. Die dazugehörige Musik, ziemlich laut über mehrere Minuten.

 

1. Akt

 

Stalins Datscha. Man sieht lange Stalins „living room“. Das Bühnenbild ist sehr wichtig: Es muss den ganzen Muff der 40 er und frühen 50 er Jahre zeigen.

Später Nachmittag. Großer, gut beleuchteter Bühnenraum, um die Gestik und Mimik der handelnden Personen erkennen zu können. - Bretterboden. Links vorn eine breitere Tür, durch die später die Gäste kommen werden. Weiter nach hinten eine alte Kredenz, oben mit Glastüren für die Gläser, einer (ausziehbaren?) breiten Platte, unten mit Türen und innen Fächern für Teller, Tischdecken usw. Hinter der Kredenz eine schmalere Tür, durch die der Diener Boris und später auch Stalin selbst den Saal betreten und verlassen.

 

An der Stirnseite des Raumes eine einfache Standuhr, vorn mit Glas. Daneben ein gusseiserner Ofen mit langem, schwarzem Rohr, das oben durch die Rückwand geht. Kohlenschütte. Auf dem Ofen ein Samowar.

An der rechten Seite des Raumes hinten ein Tisch, der als Schreibtisch dient – ein schwarzes und rotes Telefon – darüber ein Regal an der Wand mit mehreren, unterteilten Fächern, darin Stapel von Papieren. Auf dem Schreibtisch ebenfalls Papiere, unordentlich, außerdem ein Stapel „Prawda“, gefaltet und offensichtlich ungelesen. Hässliche Stehlampe mit gelblichem Schirm. Lederner Papierkorb.

Weiter vorn an der rechten Seite des Raumes mehrere, vergitterte Fenster, durch die man zu Beginn kahle Zweige von Bäumen sieht, beginnende Dämmerung. Rote, schwere Vorhänge, teilweise zugezogen.

Weiter vorn rechts eine alte Liege aus abgewetztem, braunrotem Leder, ekliges, gelbliches Kissen.

In der Mitte des Raumes steht ein großer Tisch mit je zwei Stühlen an den Seiten und je einem Stuhl an den Stirnseiten. Der Tisch ist bedeckt von einem fleckigen, weißen Tischtuch, schmutzig vor allem am Kopfende, Stalins Platz.

Der Zuschauer soll lange Gelegenheit haben, das Bühnenbild in seiner ganzen kleinbürgerlichen Scheußlichkeit zu betrachten.

Das Stück muss gesprochen werden wie eines von Beckett, sehr langsam mit großen Pausen.

(Weitere Ähnlichkeit mit Becketts Stücken besteht aber nicht – es handelt sich um einen historischen Stoff mit historischen Personen!)

 

Boris, Stalins Diener, huscht durch die kleine Tür. Er trägt eine schwarze Hose, die schon bessere Tage gesehen hat, eine offene, schwarze Weste und eine weiße Bluse.

Er blickt in die Runde, kontrolliert den Raum.

Boris geht zum Schreibtisch. „ Die Listen! – Später!“

Er öffnet den Vorhang des dem Schreibtisch nächsten Fensters. Niest wegen des Staubes. Räumt vom Tisch einen Aschenbecher mit Pfeife weg und ein Wodkaglas. Blickt angewidert auf die Tischdecke. Geht zum Ofen, rüttelt am Hebel unten. Stöhnt auf und verschwindet lautlos durch die kleine Tür.

 

Nach geraumer Zeit erscheint Stalin durch die gleiche Tür. Er trägt eine weite, hellgraue Hose, die vorn im Schritt links einen 5x5 cm großen, nassen Fleck hat sowie eine weinrote Samtjoppe, offen. Eine wenig bestickte, weiße Bluse mit Flecken vorn.

Er geht im Zimmer mit langsamen Schritten auf und ab, dabei zieht er das linke Bein außen herum nach (Gangbild Wernicke-Mann nach Schlaganfall). Der Arm und die linke Hand sind nicht wesentlich gelähmt, der linke Arm aber verkürzt nach einem Unterarmbruch mit nachfolgender Osteomyelitis, wahrscheinlich nach schwerer Misshandlung durch seinen Vater. Beide Hände zittern manchmal beim Heben eines Glases oder einer Gabel, jedoch nicht sehr auffällig. Er ist erstaunlich klein – oder klein geworden, der Rücken rund, leicht gebeugt.

Das Gesicht ist rot, die Lippen bläulich: ein alter, kranker Mann, mit dem man Mitleid haben könnte, wäre es nicht Josef Stalin…

 

Er spricht vor sich hin, leise, aber deutlich und bestimmt, manchmal sehr laut.

Die Inkontinenz des inneren Monologes! Alles sehr langsam!

 

Er geht zum Schreibtisch, setzt sich, setzt bedächtig eine Brille auf, blättert in Papieren.

 

„Die Listen, immer diese Listen! Weg damit, Kakerlaken.- Zertreten!“

 

Er unterschreibt zwei Listen mit Namen – Todeslisten!

 

„Früher mehr – hundert und mehr – am Tag! – Von Jagoda – und Jeschow…

Volksfeinde! – Alles Feinde der Arbeiterklasse – fremde Agenten – Konterrevolutionäre – Kulaken – Kakerlaken!“

Stalin spricht abgehackt, macht oft minutenlange Pausen, in denen er ins Publikum starrt.

 

„Jagoda – welch hinterlistiger Hund! – Lange tot – vernichtet – gefährliche Schlange – der!“

 

Er tappt wieder durch den Raum, um den Tisch, zupft an der Joppe, bohrt in der Nase, reißt ein langes Haar aus dem Nasenloch und hält es unters Licht.

 

„Heute Abend kommen sie – zum Essen – meine Mitarbeiter – und Freunde!“

Er lacht kurz: „Ha!!“

Laut: „ES GIBT KEINE FREUNDE! - NIEMAND HAT FREUNDE! (Pause) Speichellecker – alle vier! –

Spekulanten – Spekulanten um die Macht! – Sie belauern sich gegenseitig. – Sie gegeneinander ausspielen – so bleiben sie gefügig!“

Dass ich das noch immer…“      Pause

 

Er greift sich an den Kopf.

 

„Diese Kopfschmerzen – dieses innere Zittern!“

 

Er geht zum Schreibtisch, bückt sich schwerfällig, holt darunter eine Flasche Wodka hervor und trinkt daraus, einmal, zweimal. Stößt auf.

 

„Gut! – Wird schon besser werden!“

 

Nimmt noch einen Schluck und stellt die Flasche wieder weg.

 

Laut: „ZUM TEUFEL! – MAN KÖNNTE UM SICH SCHLAGEN!!“  Große Pause.

„Diese Einsamkeit! – Von Swetlana auch lange nichts gehört – alte Hure“ – Pause

 

„Jung müsste man noch mal sein – jung – voller Energie – Ideen – und Kraft!“ Pause

Der Einbruch mit Andrei und Jewgeni --- Mutter und Tochter – hübsches Ding – schwarze Locken, hohe Brust!

Die Mutter schnell erledigt – dann die Tochter…

Ich war 17, Andrei 19. – Er zuerst! – Ich hielt ihr den Mund zu.

Dann ich – zuletzt Jewgeni…

Sie lag auf den Knien dann – versuchte, sich aufzurichten –

Andrei schoss ihr zwei Kugeln ins Herz – die Pistole mit Fußlappen umwickelt – das dämpft den Knall –

Zwei Rubel haben wir erbeutet –

Jewgeni erhielt nichts – außer einem Schlag in den Magen – da hast` deinen Rubel!“

Pause

„War am Rande des Dorfs – keiner hat´s gemerkt – wir waren schnell weg.-

 

Geht zum Fenster und starrt hinaus in die Dämmerung.

 

„Dass wir die Kirchtürme haben stehen lassen!

Aber die Popen – die haben wir nicht stehen lassen! – Alle erledigt - - Sibirien – oder gleich tot geschlagen – das Geschmeiß!“   Pause

„Wenn man bedenkt – im Priesterseminar! ...“

 

Pause

 

„Jetzt gehen die alten Weiblein an den Kirchen vorbei und getrauen sich nicht, sich zu bekreuzigen –

Werden sonst gleich kassiert!“

 

Große Pause

 

Sehr laut: „GOTT! GOTT!!     -    Hier, in diesem Land – von Wladiwostok bis Berlin,--

Vom Nordmeer bis zum Schwarzen – und weiter nach Asien – gibt´s nur EINEN, dem gehuldigt wird – überall!    Bis in alle Ewigkeit!!

 

AMEN!!“

 

Durch die kleine Tür schaut vorsichtig Boris herein.

„Väterchen, brauchen Sie etwas?“

 

„NEIN – GEH!“

 

Boris schließt geräuschlos die Tür.

 

„Die Zaren – sie waren nicht konsequent – alle Feiglinge! – Wie viel haben sie ihm gegeben, dem Fjodor Michailowitsch – Dostojewski?“  Pause.  „Vier Jährchen Lager – und ein bisschen Verbannung?“  Pause. „Und der – der Medizinstudent – wie hieß er gleich? – Warlam Scharlatan? – Der das Plakat „NIEDER MIT STALIN“ hochhielt,  -  der Idiot!

Das volle Maß! – 25 Jahre Kolyma! –

Weiß nicht mehr, wer mir die Geschichte überhaupt erzählt hat – eine winzige Episode –

Dass ich mich daran erinnere! –

Sicher lange tot – verhungert – erfroren – minus 50 Grad im Winter – monatelang!“

 

Pause

 

„Kohlsuppe! – Wie kann man nur so dumm sein – sieht nicht die Zeichen der Zeit!“

Pause

Sehr laut; „MEINER ZEIT!“

 

Große Pause

 

„Hitler – ja, der dachte, wie ich! ---- Nationalsozialismus! – Dass ich nicht lache! –

Sein Sozialismus war so viel wert, wie meiner!“  Pause

„Eine Ausrede – ein Alibi!

Karl Marx – ein deutscher Fantast – ein Romantiker!“  Große Pause.

 

„Es gibt keine Gleichheit unter den Menschen – nur im Tod! --- Der Genickschuß ist bei allen gleich!“

Pause.

„Ob sie die Kulaken in den Wäldern einzeln erschossen haben – oder mit Maschinengewehr?“

Pause.

„Müßte Jeschow fragen ---- selbst erschossen worden – der tollwütige Hund!

Lange her. (Pause) Ist ja auch egal!

 

Es gibt keine Gleichheit unter den Menschen!

Im Lager ja – in der Kolchose – sind sie gleich – nichts wert – Maschinen! – Arbeitstiere – weniger als ein Pferd!“

 

„Mein Hirn! – mein armes Hirn!“ Pause

„Dreht sich im Kreise – seit dem Schlag…

Davor – klare Gedanken

Chaos – pures Chaos jetzt!“

 

Große Pause

 

 

 

„Die Ärzte – sie taugen nichts! – NICHTS!!“    Pause.

 

„Sind vielleicht zu viele gefallen, erschossen worden von den Deutschen – und von uns selbst bei den Säuberungen…

Blödsinn! – Wie kann man ein Land voranbringen, wenn man die intelligenten Leute beseitigt?!“

Laut: „Aber sie waren ja Feinde – lauter antisozialistische Volksfeinde! – Wurzellose Kosmopoliten!“ ---  leiser: „Jetzt haben wir die Idioten nur noch! --- Nur noch die Idioten….“

 

Große Pause

 

Umhertapsen. Räuspern. Blick zum Wodka unter dem Schreibtisch, Blick zur Decke, Stöhnen usw.

 

„Ich schlafe nicht! – Fast gar nicht! – Erwache mit rasendem Puls und dem grässlichen Zischen in den Ohren – im Kopf – jede Stunde! --- Liege wach – und der alte Unsinn im Kopf dreht sich – immer wieder dieselben Sachen – von früher.

Und was gibt er mir?  -  BROM! NICHTS ALS BROM! – IMMERZU BROM!! (sehr laut)

Leiser: „Und morgens todmüde.- Was gibt er mir? – Pervitin! – Der Hund!

Zum Teufel! – Will mich vergiften!

Muss ihn austauschen – den Doktor Schwachkopf!“

 

Große Pause

 

„Hätte man wirklich was Ernstes, müsste man nach London – inkognito – da sind sie heiß auf´s Geld, die Ärzte! – Aber sie können vielleicht was…

Unsere können nichts – NICHTS (laut)!“

 

„Gott sei Dank ist es nichts Ernstes - - ein Schlaganfall vor vier Jahren, - längst überstanden –

Kann Jeder kriegen! –

Gut – pissen kann ich auch nicht! – Jede Stunde aufstehen – ein dünnes Strählchen – mein Gott!“

 

Große Pause

 

„Wieso dauernd Gott? – Warum hilft er mir nicht?“  Pause. Hüsteln. Ups usw.

 

„Elender Mistkerl! – Gibt´s gar nicht – reine Erfindung alter Weiber und schwuler Priester!“

Pause

„Schad´eigentlich!“

 

Pause

 

„Wollen realistisch bleiben: Es zählt nur die Macht! – Die pure, rohe Macht! – Darum ging´s!

Lenin hatte das schon verstanden – war nicht konsequent genug – Trotzki auch nicht – musste sterben deshalb – in Mexico ------ Eispickel!“  Pause.

 

„Hitler hat´s verstanden.- Pure Macht!“ Pause.

 

„NUR MIT DER GANZEN MACHT KANNST DU WAS VERÄNDERN!“ (laut)

 

„Aus einem so rückständigen Land - - wie hoch war eigentlich der Anteil der Analphabeten?? – ein Industrieland –eine Atommacht – ein Weltreich zu machen --- darum ging´s!

Nur darum!!

Und das geht auch nicht mehr zurück, - hab´s durchgesetzt!

Pure Macht!!

Muss halt Mancher leiden, der´s nicht versteht – muss weichen der Macht!“

 

Große Pause

 

„Im Mausoleum – später – einbalsamiert – besser als ein Pharao – hält ewig!“

 

Große Pause

 

„Er wollte mich besiegen – er hat mich beinah´ besiegt --- Jetzt hab´ ich ihn besiegt – und um Jahre überlebt!“

 

Große Pause. Umhertapsen, wirre Gesten…

„Was wollte der? – Sozialismus? – Nein --- alles nur eine Kopie!

Die EINE Partei  (Pause)

 

EIN WORT – ein Mord! – Alles nur Kopie!

Selbst die Lager ---- in Deutschland gab es nie Lager vorher – soweit ich weiß –

Dann Lager vom ersten Tag an!

Später Vergasungen ---- (Pause)

 

Hatten wir nie nötig. – Bei uns genügt Sibirien, --- Kolyma.

Die Kälte tötet von allein –

Niemand macht sich schuldig –

Alles normale Urteile.-

Verurteilt als Feind der Arbeiterklasse! –

Ein halbes Maß – ein ganzes – 25 Jahre…..

Wer überlebt das denn schon?“

 

Pause

 

Von 100 000 Mann aus Paulus´ Armee hat das allenfalls ein Viertel überlebt – bisher!“

 

Große Pause

 

„Was wollte der eigentlich – der Hitler? --- Mit unseren eigenen Methoden? –

Ein europäisches Reich – vom Atlantik bis zum Ural?

Und dann?

Wie lange hätte er es halten können mit seinen wenigen Leuten – und immer weniger –

Gegen uns – und die Amerikaner? --- Das wusste er ja!“

 

Pause

 

„NEIN, das war´s  nicht, das muss es nicht gewesen sein!“

 

Große Pause

 

 Trappelt um den Tisch, schaut um sich, hustet, greift sich in den Schritt.

Geht unsicher zum Schreibtisch, nimmt aus dem Regal einen Beutel mit Pfeifen und eine Büchse mit englischem Tabak. Stopft eine große Pfeife, zündet umständlich mehrere Streichhölzer an. Pafft.

 

„Alter Tabak – trocken – ekliges Zeug!

Kann ich auch nicht mehr vertragen!“

 

Hustet mehrfach.

 

Pause

 

Schreit: „WAS KANN ICH EIGENTLICH NOCH VERTRAGEN?“

 

Boris schaut vorsichtig zur Tür herein.

„Väterchen, kann – kann ich den Tisch decken – die Gäste kommen bald?“

 

„Meinetwegen! Mach´ keinen Lärm!

Ich muss nachdenken!“

 

Boris deckt in Windeseile lautlos den Tisch: frische, weiße Decke, Teller, Bestecke und Gläser aus dem Schrank und verschwindet.

 

„Wo war ich? – Hitler --- Hitler, das Schwein! –

Nein – ihm ging´s nicht um das europäische Reich!“

Pause

 

„Wie lange denke ich schon darüber nach?

 

Lange Pause

 

Vielleicht ging´s ihm um das Böse an sich?

Unsterblich werden als der BÖSE – der ABSOLUT BÖSESTE?

Böser als Zar Ivan?“

 

Pause

 

„An mich wird man sich erinnern in vier hundert Jahren – als Erneuerer Russlands -----

An IHN ----- in tausend Jahren – als den Superlativ des BÖSEN!“

 

Große Pause

 

Leiser: „ So hat er mich also doch besiegt! – DARIN hat er mich besiegt!!

 

Große Pause

 

Trappeln. Greift wieder in den Schritt.

 

„Obwohl meine Zahlen – nicht kleiner als die seinen!“

 

Pause

 

„Die Engländer mit ihren Bomben – General Harris –

In kleinen Städten 18000 Tote in einer Nacht! – Verbrannt zu Kohle!

In Dresden in zwei Nächten sollen´s 35000 gewesen sein – das Zehnfache wahrscheinlich –

Die vielen Flüchtlinge vor der Roten Armee!...

Hat das alles akzeptiert – der Hitler, - und nicht aufgegeben!“

 

Pause

 

„Warum?

 

Er muss es so gewollt haben!-         Brauchte noch Zeit zum Vergasen!

 

Soll sich Fotos von den Trümmern Hamburgs angesehen haben – schöne Fotos im Sonnenschein – farbig!“

 

Große Pause

 

„Unsere Kriegsgefangenen in Deutschland 45 – alle ins Lager – ab nach Sibirien –

Tausende!

Alle erfroren.-

Kam keiner zurück!“

 

Pause

 

„Und der Weißmeerkanal? – Mit Pickel und Schaufel – Tausende von Häftlingen –

Extra verhaftet-

dann betoniert – ihre Knochen halten den Beton! –

Fährt kein Schiff dort – zu schmal – zu oft zugefroren –

 

Aber das wusste man ja nicht!

Ein Jahrhundertprojekt, so war´s gedacht! –

Ein Jahrhundertgrab – was soll´s!

 

Alles für´s Volk  - für die Partei –

Für die Idee…“

 

Große Pause

 

Mehrfach Räuspern. Sieht intensiv ins Publikum, weit offene, fragende, hilflose Augen…

 

„WAS FÜR ´NE IDEE?  (Pause)

 

WAS FÜR ´NE IDEE?

 

Den Friedensnobelpreis haben sie mir doch nicht gegeben – die Narren!“

 

Große Pause

 

„Ja, Jascha – hübscher Bub – blond. –

Blond? – Vielleicht gar nicht von mir?

Wer kann da sicher sein?

 

Konnte nichts tun –

Wollten ihn austauschen gegen Paulus –

Pah – ein Feldmarschall gegen einen einfachen Soldaten –

Hat sich in den Elektrozaun geworfen, der dumme Kerl –

In Sachsenhausen.-

Hätte ja fliehen können! –

 

Ich bin mehrfach geflohen aus der Verbannung in Sibirien –

War auch nicht gefahrlos –

War halt kein ganzer Kerl, der Jascha!“

 

Er tritt wieder ans Fenster neben dem Schreibtisch. Mondnacht.

 

„War lange nicht draußen!

Wozu auch! –

Nur bei der Parade bin ich dabei ---- mein Doppelgänger!

Sieht gut aus auf Fotos – wie ich vor 15 Jahren…“

 

Pause

 

Sehr laut: „WAS FÜR EIN HUNDELEBEN, TEUFEL UND TEUFEL UND TEUFEL!“

 

Beugt sich, wie zum Erbrechen.

 

„Muss das ändern! –

Mal auf der Krim spazieren – auf der Mole im Sonnenschein –

Ach was, viel zu gefährlich! – Schießt mich einer nieder – ein Tatar –

 

Alle umgesiedelt – die Männer – die, die übrigblieben – nach Sibirien –

Die Weiber und Kinder nach Kasachstan – im Winter verhungert –

 

Und mit dem Bein!

Man wird über mich lachen – womöglich!

Der Nimbus dahin – Stalin,

GOTTSTALIN – gelähmt!“

Leiser: „Sterblich – wie alle?!

 

Man berichtet mir hier –

Alles!

 

Pause

 

Nachher kommen sie mit ihren Plänen, ihren Statistiken ---

Alles gefälscht!

Niemand sagt mir die Wahrheit –

 

Will´s auch gar nicht wissen!

 

Wenn mir die Zahlen zu klein sind –

Zu wenig Traktoren – Schweinehälften –

Einfach eine Null dran – verzehnfacht!

 

Steht dann in der Prawda am nächsten Tag –

Alles gelogen –

Heißt nicht umsonst: gelogen, wie gedruckt!

 

Alle Zeitungen der Welt lügen,

Kein Wort von wahr! –

Aber die Leute glauben es – und darum geht´s!“

 

Pause

 

„Und nächste Woche noch bessere Zahlen –

Noch mehr Traktoren! ---

 

Sie kommen mit ihren Mappen,

Sie lassen mir ihr Geschmiere da -----

 

Ich les ´es gar nicht – seh an ihren Gesichtern besser, wie´s wirklich steht –

Noch immer nicht genügend Korn für Brot –

Einführen aus Canada – kaum Fleisch oder Milch“ -

 

Pause

 

„Wie könnte man Millionen von kleinen Bauern befehlen, was sie zu produzieren haben?

Ohne sie zu kollektivieren?

Ginge gar nicht –

Jeder würde nur an sich selber denken!

Die Arbeiter in den Städten hätten nichts zu essen –

Wir müssten den Bauern das Getreide und die Kartoffeln abpressen –

Wie in der Ukraine –

Sind dann verhungert, die ukrainischen Bauern –

Gab auch kein Saatgut mehr im nächsten Jahr!“

 

Große Pause

 

Husten.

 

„Ohne Kollektivierung keine Industrie!“

 

Pause

 

Setzt sich.

 

„Hitler hat das nicht machen müssen –

War schon industrialisiert, das Land –

Die Bauern fleißiger –

Nicht so versoffen!“

 

Boris: „Jossip Wissarionowitsch, Väterchen – die Gäste sind da! Soll ich sie reinlassen?“

 

„Bürste mir erst meine Jacke!“

 

Stalin verlässt langsam tapsend das Zimmer durch die kleine Tür.

 

Boris geht direkt zum Schreibtisch, im Gehen: „Hab´ Väterchen ein frisches Hemd und eine Hose hingelegt – viele Hosen!“

Er sieht die unterschriebenen Todeslisten, blickt sich zur Tür um.

„Wie viele heute? 67! Litauische Namen. Wegen antisowjetischer Hetze! – Sibirien –oder gleich…?“

Er macht eine schnelle Kopfschussgeste. Er faltet die beiden Listen und steckt sie ins Hemd.

Bringt alle auf dem Schreibtisch liegenden Papiere durcheinander, holt einen kleinen Stapel aus dem Regal und mischt diesen unter – alles blitzschnell.

„Die Listen laß´ ich jetzt meistens verschwinden – er merkt´s gar nicht. Ich weiß von nichts, bin nur der blöde Diener. – Vielleicht werden sie aber doch – ohne Unterschrift…. Wer hört noch auf Väterchen Stalin? Keiner!

 

Obwohl – ein Wort von ihm: bumm!!

Ob man den Knall noch hört, beim Schuss in den Hinterkopf? Schon möglich! Aber man erinnert ihn nicht!“

Boris schnellstens ab durch die Tür, um Stalins Jacke zu bürsten.

 

 

Vorhang

 

2. Akt

 

 

Stalin erscheint: schwarze Hose, frische Bluse, Joppe geschlossen.

Stalin:  „Ist es schon soweit?“

Boris verbeugt sich. „Die Gäste sind da!“

Boris schaut Stalin über die linke Schulter an, weite, ängstliche, fragende Augen.

„Lass sie rein!“

Boris öffnet die breite Tür.

„Väterchen Stalin lässt bitten!“

 

Herein kommen im Gänsemarsch Berija, Malenkow, Bulganin und als Letzter ein Kleiner, Dicker, Chrutschschow.

Stalin reicht ihnen zwei Finger der rechten Hand, keine Bruderküsse.

Bei der Begrüßung sagt Stalin nur jeweils Vor- und Vatersnahme, ohne Betonung, ohne Emotion.

 

Alle vier tragen graue Anzüge in unterschiedlichen grauen Farben und eine graublaue Krawatte, sehr bürgerlich und brav. Alle haben einen deutlich unterwürfigen Habitus –

Sie wissen, dass ein Wort von Stalin ihr Tod bedeuten kann.

 

Stalin, auf den Tisch weisend: „Nehmt Platz, liebe Freunde, liebe Genossen – habe Euch zu einem georgischen Abendessen eingeladen – lasst uns gemeinsam essen und trinken!“

 

Boris schenkt allen – die alle noch stehen – ein Glas Sekt ein.

 

Berija: „Danke, Jossip Wissarianowitsch, danke für die Einladung.- Wir freuen uns sehr, Sie zu sehen und in so guter Verfassung zu finden!“ Er erhebt sein Glas:

„Nastrowje, Väterchen!“

 

Alle trinken aus.

Sie setzen sich umständlich. Stühlerücken. Stalin steht am Kopf des Tisches, Berija setzt sich langsam rechts von ihm, Bulganin links, dann Malenkow. Als Letzter bleibt Chruschtschow stehen, wartet, bis sich Stalin gesetzt hat.

Alle tragen eine graue, schwarze oder dunkelbraune Mappe unter dem Arm oder in der linken Hand.

Stalin: „Eure Berichte – Ja!“  Er streckt die Hand aus. Boris sammelt die Mappen verächtlich ein.

„Ich werde sie lesen – morgen – und gebe sie Euch dann zurück.“

 

Boris legt die Mappen auf den Schreibtisch und beginnt, den Tisch mit allerlei Speisen, die er kurz zuvor lautlos auf die Kredenz gestellt hatte, zu füllen, wieder in Windeseile. Zwischendurch gießt er Wodka in die Gläser und stellt eine Karaffe mit Wasser hin.

 

Es entsteht eine spannungsgeladene Gesprächspause, in der Stalin die vier „stählern“ nacheinander anblickt.

 

´“Nun, liebe Genossen, wie steht´s im Land?“

Nur Chruschtschow lächelt:

„Wjatscheslaw Michailowitsch – Genosse Molotow – lässt sich entschuldigen. Ist in Berlin,

den Genossen dort die Lewiten lesen.

 

Stalin: „BERLIN – VERDAMMT NOCHMAL -

was für ein Fehler! Hatten wir ganz eingenommen –

reines Trümmerfeld -

Viermächtestatus –

Vier Mächte für ein Trümmerfeld!“

 

Pause

 

„Wie weit seid ihr damit?“

Er schaut Berija durchdringend an, tiefe Zornesfalten zwischen den buschigen, weißen Altersbrauen, Berija, den Geheimdienstchef.

 

Berija: „ Wir kommen voran.- Im Westen Berlins sind mehrere Tausend unserer Leute, in allen Ämtern und Betrieben, in der Bahn, der Polizei…“

 

Stalin: „ Ich höre Anderes: Hunderte sollen täglich den sowjetischen Bereich verlassen – mit Kind und Kegel!“

 

Berija: „Die Grenze muss besser gesichert werden, wie bilden Grenztruppen aus. Aber viele, die wechseln, sind unsere Agenten! Wir brauchen die in allen Bereichen, auch in Westdeutschland – und wenn die Zeit kommt – und sie wird kommen – stehen die alle auf!

Das Land gehört dann uns, über Nacht!“

 

Stalin: „Dein Wort in G… in meinem Ohr!   Nastrowje!

 

Sie leeren alle ein ganzes Glas Wodka. Rülpsen, Stöhnen, Grinsen, AAAs.

 

Boris gießt nach, Stalin nur ein halbes Glas.

„Mach´voll!“ sagt dieser.

Stalin: „ Und in Frankreich, in Italien?“

 

Berija: „Die sozialistischen Parteien dort, die Unterwanderung – geht schnell voran – ganze Städte kommunistisch. Die Intelligenz – auf unserer Seite!“

 

Pause

 

Alle stoßen züchtig auf.

 

Pause

 

Stalin: „Gut, gut!-

Ich will als Erstes Berlin, ganz Berlin – verstanden? – Von da aus weiter!“

 

Berija: „Ja, Jossip Wissarionowitsch, ja, gewiß! – Wir sind nahe daran! Sie werden´s bald erleben!“

 

Pause

 

Malenkow: „Die Leute, trotz Krieg und Zerstörung, sind verwöhnt. Wollen bessere Wohnungen, bessere Kleider, besseres Essen – wie die Deutschen so sind – verwöhnt!“

 

Stalin: „Dieser Ulbricht, ein völliger Versager!

 Und Adenauer, der schlaue Gauner, bestärkt sie darin – schwört sie auf den Westen ein – ein Lump der – elender!

Wollte nichts wissen von unserem Angebot der Neutralität – das steht noch immer…“

 

Bulganin: „Das hatten wir mehrfach vorgetragen, Jossip Wissarionowitsch – er ist, scheint´s, unbelehrbar.- Müssen anders vorgehen, untergründiger, subversiver.“

 

Pause. Stalin fasst sich an den Bauch, ein angedeutetes Ups. „Der Hunger meldet sich –

Nehmt Euch, nehmt Euch – es ist alles da!“

Er nimmt einen Entenschlegel und beginnt, ihn abzunagen. Alle nehmen Entenschlegel und nagen.

Auf dem Tisch gefüllte Auberginen, eine aufgeschnittene Lammkeule, Gurken in Schalen, Töpfe mit Gänseschmalz, Majonaise, Kaviar, Schwarzbrot, Gebackenes, Süßigkeiten, Orangen, alles durcheinander – und sie essen alles durcheinander.

Alle fressen und trinken vor sich hin – gedankenlos.

Chruschtschow furzt halblaut. Niemand beachtet das. Nur Boris hinter ihm, eine Flasche Wodka in der Hand, hält sich die Nase zu und wechselt den Platz.

Minutenlanges Schweigen, Schmatzen, Schlucken, Stöhnen, Malmen mit vollen Backen, zwischendurch Grinsen, Wodka, Wodka.

 

Stalin: „ Nicht leicht – so ein großes Land – und halb Europa“….

 

Große Pause

 

Niemand spricht. Das Essen unterbrochen.

 

Stalin: „ Geht nur mit eisernem Willen. – Eine Mammutaufgabe –

Millionen unter einen Willen!“ -

 

 

Vorhang

 

3. Akt

 

Die Uhr zeigt 3 Uhr 30 morgens.

Stalin steht gebeugt am Tisch, setzt sich schwerfällig.

 

„Sind sie weg?“

 

Boris: „Ja, alle abgefahren – hat ihnen gut gefallen – waren noch recht lustig draußen.“

 

Stalin: „Gut!“

 

Boris räumt den Tisch ab: Schüsseln, Gläser Flaschen, volle Aschenbecher, so flink, wie immer.

Boris: „Brauchen Sie mich noch?“

Stalin: „Nein – geh zu Bett!“

Boris: „Habe alles gerichtet, gute Nacht!“

 

Stalin antwortet nicht, sieht ihn schief an. Boris verschwindet lautlos.

 

Stalin: „Diese Gezücht!

Lügner – Lügner – verdammte Lügner – allesamt!“

 

Pause

 

Rülpsen.

 

„Hast nicht gut gemacht – den Menschen, Alter!

 

Berija muss ich austauschen, morgen schon – Mistbock!

Woher – von wo erhalte ich noch richtige Informationen?

Muss einen Dienst aufbauen – nur für mich!

Haben sonst keine Aufgabe –

Informationen nur für mich!

Sollen auch ausländische Zeitungen lesen,

Times und so –

Die dürfen das, nur die!“

 

Große Pause

 

„Werden mich wieder belügen,

von vorn bis hinten!“

 

Schreit: „TEUFEL NOCH EINS!! GEFANGEN IM EIGENEN KÄFIG!!“

 

Rülpst zweimal.

 

„Zuviel gegessen – ein Gläschen!“

 

Da der Tisch schon abgeräumt ist, muss er zum Schreibtisch und die Flasche hervorholen. Trinkt daraus – dreimal, stößt auf.

 

„Gut – das verdaut!“

 

Er setzt sich wieder an den Tisch, öffnet die Joppe, kratzt sich am Kopf, zieht die Nase hoch, räuspert laut mehrfach.

 

„Fängt wieder an – der Kopf –

Wo ist das Brom?“

 

Er erhebt sich schwer, stützt sich lange auf, schaut irr ins Publikum, geht schleppend durch die kleine Tür.

 

Vorhang

 

4. Akt

 

Stalins großes Schlafzimmer. Mitte hinten ein großer, russischer Diwan mit dicker, roter Steppdecke, mehrere Kissen übereinander. Altmodischer Nachttisch mit unten offener Tür, Nachttopf. Auf dem Nachttisch das Fläschchen mit Kaliumbromat und ein kleiner Löffel. Tabletten. Ein Glas Wasser.

Links an der Wand eine Kommode, darüber an der Wand die verblichene Fotografie seiner ersten Frau Ketewan Swanidse. Schäbiger Rahmen.

Am Boden ein abgetretener Orientteppich in rötlichen Farben, gelblicher Bettvorleger, Schlappen.

Die Vorhänge der Fenster (wie immer rechts) zugezogen.

Man sieht die Zeit, die ganze Tristesse der Zeit!

 

Stalin steht ein Meter vom Bett entfernt, gebeugt, mit hängenden Armen. Betrachtet die Fotografie.

 

„War eine schöne, junge Frau, Ketewan – schlank – prächtiger Busen – Flecktyphus!“

 

Pause

 

„Die Nadeschda Allilujewa dagegen – ein grässliches Weib – zuletzt!

Jeden Abend Jammern und Heulen!

Hat sich erschossen – hat die Zeit nicht ertragen –

 

Böse Zungen haben behauptet“ –

 

Pause

 

„NEIN – ich war es nicht!

Hatte nie eine Pistole in der Hand!“

 

Er geht zum Nachttisch, trinkt Kaliumbromat aus der Flasche, bückt sich, um die Schuhe zu öffnen, dreht sich im Kreise, sackt mit einem OH zusammen. Er zuckt mit den Gliedern, alles sehr langsam.

Dann ein leises, geflüstertes

 

„Ave Maria“

 

Nur dies! Stalin bleibt liegen. Der Vorhang senkt sich sehr langsam, leise Militärmusik wie im Vorspann.

 

Vorhang

 

5. Akt

 

 

Ein schäbiges Büro, stark erhellt. Hinter einem großen Schreibtisch mit schwarzem und rotem Telefon und mehreren Akten sitzt Nikita S. Chruschtschow, einen Federhalter in der Hand.

Hinter ihm an der Wand ein Lenin- und ein Stalinportrait.

Goldene, schwere, angestaubte Vorhänge, offen.

Chruschtschow ist sehr müde, gähnt laut mit beiden Händen halb vor dem Gesicht.

 

Das schwarze Telefon klingelt.

 

Ch.: „Ja?“

 

Boris: „Nikita Sergejewitsch, bitte –

Verzeihung um die Störung – hier Boris, Väterchen Stalins Diener –

Nikita Sergejewitsch – wir machen uns Sorgen!

Väterchen Stalin rührt sich nicht – es ist schon vier Uhr – und bis jetzt hat er nicht geklingelt, was sollen wir tun?“

 

Chr.: „Wart ihr in seinem Zimmer?“

Boris: „Nein – haben wir nicht gewagt!“

 

Chr.: „Gut! Wir haben gefeiert. Er schläft! Lasst ihn schlafen!“

 

Das Licht verlöscht langsam, während Chruschtschow gähnt.

 

Ende

Hitlers Tod

 

Dies ist eine Geschichte, nicht, wie sie war, aber, wie sie hätte sein können oder sein müssen.

 

„Was suchen Sie, Monsieur?“ fragte die alte Frau bei ihrem Buchstand am Seine- Kai, nachdem ich lange in ihren Büchern und Heften, in ihren Kisten gestöbert hatte.

 

„Ich bin Schriftsteller und Historiker – wie alle Schriftsteller suche ich nach einer interessanten Geschichte, vielleicht das Leben einer historischen Persönlichkeit…“

 

„Interessieren Sie sich auch für Personen aus unserem Jahrhundert, es ist ja viel geschehen in dieser Zeit?“

 

„Ja, durchaus, viele Begebenheiten der letzten Jahrzehnte sind noch gar nicht gewertet und publiziert.“

Die alte Dame kramte in ihren Kisten unter dem Tisch. Als sie wieder auftauchte, hielt sie ein Heft in der Hand, in blauem Karton mit Zwirn gebunden, fingerdick.

„Sie sind Deutscher, n´est pas, so, wie Sie das Französische aussprechen?“

„Ja, Madame, aber ich lebe in Paris.“

„Vielleicht ist das etwas für Sie. Schauen Sie mal hinein. Es ist auf deutsch geschrieben, und ich kann es selbst nicht lesen.- Ich habe es mehr als 40 Jahre aufbewahrt!“

 

Ich öffnete die unscheinbare Kladde. Sie war fein säuberlich mit Bleistift beschrieben.

Oben drüber stand: Hitlers Tod. Ich begann, neugierig zu lesen. Die Umstände von Hitlers Tod waren ja bekannt. Er wurde von einer Gruppe von französischen Geheimagenten getötet. Aber hier wurde offensichtlich die bekannte Version in Frage gestellt.

 

„Und was sie nicht alles zusammengelogen haben, danach!“

Ich las den ganzen Absatz.

„Hier die einfache Wahrheit. Aber erst die Vorgeschichte, die historischen Zusammenhänge, die Ursachen, die politischen, die gesellschaftlichen und die persönlichen.“

 

Das war eine Geschichte, wie ich sie suchte.

„Madame, was darf ich Ihnen dafür geben?“

„Rien, Monsieur, Bücher müssen Sie bezahlen, aber das Heft gebe ich Ihnen so mit, als Leihgabe. Der das schrieb vor vielen Jahren, war ein guter Freund, es ist seine persönliche Sicht der Zeit, nehme ich an.

Was darin steht, weiß ich nicht im Einzelnen. Auf jeden Fall hat er verfügt, dass es erst nach vielen Jahren an die Öffentlichkeit kommen sollte. Wenn Sie nichts damit anfangen können, so bringen Sie es mir bitte wieder, geben Sie mir Ihren Namen und die Adresse!“

 

Ich nahm mit Dank das Heft – und las die halbe Nacht, mit kleinen Pausen zum Nachdenken

wegen der Dramatik des Geschilderten. Gegen ein Uhr schlief ich ein, träumte von der schlimmen Zeit in den Dreißigern, die ich gar nicht erlebt hatte, erwachte mit Herzklopfen und las weiter.

Ich war fasziniert. Sollte es wirklich so gewesen sein? An der offiziellen Version zweifelte niemand mehr. Der französische Geheimdienst war verantwortlich, doch nun dies!

Ich schien ein historisches Dokument in Händen zu haben, einen Bericht von eigener Hand, der nur in einem einzigen Exemplar existierte.

 

Ich musste unbedingt mehr über den Autor erfahren. Sein Name tauchte in dem Bericht nur als Karl S. auf. 1937 begonnen, endete der Text 1938.

 

Also war ich am nächsten Tag wieder am Seine-Ufer. Es regnete in Strömen, die Stände waren alle geschlossen. Drei Tage musste ich warten, voller Ungeduld und Angst, die alte Dame nicht mehr anzutreffen. Dann klarte der Himmel auf. Eine blasse Herbstsonne spiegelte sich im Wasser des Flusses. Das Pflaster, bedeckt mit den gelben Blättern der Platanen, glänzte. Aber es war sehr viel kälter geworden.

Madame trug eine alte Biberpelzjacke, ein Kleidungsstück, das es nirgendwo mehr gibt, und Handschuhe.

„Bonjour, Monsieur“ Nach einer langen Pause und einem tiefen, prüfenden Blick:

„Haben Sie es gelesen?“

Ja, Madame, und ich bin erschüttert. Wenn das wahr ist, so ist es eine Sensation! Aber Sie wissen vielleicht gar nicht, worum es geht?“

Um Mund und Augen spielte ein feines Lächeln.

„Alors, Monsieur, bringen Sie es schon zurück – oder, warum sind Sie hier?“

„Ich möchte gern mehr erfahren über - den Autor des Berichts.“

 

Wir standen allein und fröstelnd am Kai. Der Himmel hatte sich wieder verdunkelt, und es fielen erste Regentropfen.

„Ich schließe jetzt, es kommt sowieso niemand mehr!“

„Madame, darf ich Sie zum Abendessen einladen – und Sie erzählen mir ein wenig von sich, von jener Zeit und von ihm, der sich Charles nannte?“

„Volontier, Monsieur, vielleicht bin ich Monsieur Charles das schuldig, ohne ein paar Erklärungen können Sie ja nichts damit anfangen.“

Sie bezeichnete mir ein Lokal in der Nähe von St. Sulpice, wo ich mich gegen 20 Uhr einfinden sollte.

 

„Vous prenez un apéritive, Messieurs dames?“

„Oui, deux coupes de Champagne, svp.“

 

“Woher haben Sie Ihren französischen Namen, Monsieur Durand?”

„Meine Vorfahren waren französische Protestanten, sie mussten Ende des 17. Jahrhunderts nach Deutschland fliehen“

 

Die alte Dame war erstaunlich gut gekleidet. Sie trug ein blaues Wollkleid, darüber die typische, weiße Häkeljacke der älteren, französischen Frau, alles sehr sauber und ordentlich, als Schmuck eine schöne Perlenkette sowie ein schmales, goldenes Armband.

Sie bemerkte meine erstaunten Blicke.

„Vous savez, Monsieur, das habe ich einst von einer alten Dame geerbt, die ich bis zu ihrem Tod gepflegt habe, Madame d´Ormont . Steht nicht etwas von ihr in dem Heft?“

 

„Oh, ja, Madame d´Ormont ist ausführlich erwähnt und mit Respekt bedacht. Vor allem ist aber auf den Seiten, die hier in Paris handeln, von einer Mademoiselle Nadine die Rede – und das mit noch viel mehr Hochachtung. Sagen Sie, Madame, wer war Nadine?“

„C´est moi, Nadine Bertrand, und wir nannten ihn Monsieur Charles. Er war bei allen beliebt.

Wir in Paris fragen nicht, woher, wohin, wir nehmen jeden nur als Menschen, wenn er freundlich ist – und er war tres gentil.“

„Waren Sie ein Paar, ich meine, lebten Sie zusammen?“

„Nicht in diesem Sinne, nein. Ich hatte meine kleine Wohnung im 6. Stock, im zweiten Dachgeschoß eines alten Hauses, M. Charles hatte sein Zimmer bei Madame d´Ormont, die ich jeden Tag besuchte. Sie konnte schlecht gehen, nur mit zwei Krücken – also kaufte ich für sie ein und arrangierte die Wohnung. M. Charles hatte ich zu ihr gebracht. Er fühlte sich sehr wohl dort, er half ihr beim Anziehen, beim Baden, immerzu bei allem. Sie unterhielten sich ständig über Politik, Literatur, Musik und Malerei. Sie sprachen nur französisch miteinander, obwohl Mme. d´Ormont mehrere Sprachen sprach, auch deutsch, sie war ja eigentlich aus Wien.

Sie hatte eine große Bibliothek mit Erstausgaben und Autographen, und sie sammelte graphische Kunstblätter, Radierungen, Zeichnungen, Stiche, Aquarelle, ganze Mappen voll.

Charles schaute sich diese Blätter oft stundenlang an. Das alles habe ich später geerbt, es war der Grundstock für mein Geschäft.“

„Von dieser Sammlung habe ich gelesen, aber es ist gewiss viel lebensvoller, das noch einmal von Ihnen selbst zu hören. Madame, wie sah er aus, M. Charles, wie war er?“

„Ein Photo habe ich nicht, das heißt, ich habe noch seinen französischen Ausweis – Charles Muller aus Strasbourg, das Photo ist echt, aber der Ausweis war gefälscht.- Sie, M. Durand, sind in dem Alter, in dem M. Charles damals war, 1937, als er hier ankam. Er war 1900 geboren. Ich war gerade mal 23 Jahre alt. – Ich war Waise. Der Vater fiel 1914 im Krieg, gleich in den ersten Wochen, da war ich noch gar nicht geboren. Meine Mutter starb bei der Grippeepidemie 1919. Ich kam ins Waisenhaus, vom 5. bis zum 14. Lebensjahr. Es war nicht gut dort, wir wurden oft geschlagen, und es gab nicht viel zu essen. Aber daher habe ich meine seelische Widerstandskraft – und mein Glaube, nicht selbstverständlich in einer so gottlosen Zeit!“

„Also, Monsieur, wir lebten nicht zusammen, wir waren kein Paar im üblichen Sinne, aber er war „MON AMOUR“. Das hatte ich ja nicht, vorher. Aber genauso hatte ich mir einen Mann vorgestellt und gewünscht: respektvoll, liebevoll und zärtlich, vielleicht ist zart das bessere Wort, ein Mann, der mit mir spräche, mich bildete und unterstützte – und das tat er.

Wir sahen uns jeden Abend. Wir speisten zusammen in einem kleinen Lokal hier in der Nähe, „Chez Yvette.“ Es war nicht so teuer, halt für die kleinen Leute im Quartier, aber gut. – Yvette starb an Lungenkrebs, schon mit 52 Jahren. Das Lokal gibt es seitdem nicht mehr. Es war auf der anderen Seite der Straße.

Sie haben gefragt, wie M. Charles aussah. Nun, er war nicht sehr groß, schmal, fast dünn. Er hatte hellbraune Haare und dunkelbraune Augen. Als ich ihn  zum ersten Mal sah an jenem Abend im Frühjahr 1937 trug er Wanderkluft, wie man sie im Gebirge trägt, und einen Rucksack, das war etwas wunderlich, denn hier gibt es ja keine Berge, vom Mont Parnasse abgesehen.“ Sie lachte.

„Er stand auf der anderen Seite der Gasse, mir gerade gegenüber- und lächelte. Und wenn er lächelte, war das sehr ansteckend. Fremde Leute, denen er mit seinem Lächeln begegnete, mussten auch gleich lächeln – ein Phänomen! Ich ebenfalls – und er kam herüber. Er sagte:

Bonsoir, Mademoiselle und gab mir die Hand. Das war ich nicht gewöhnt. Und dann: Darf ich Sie zum Abendessen einladen, bitte? Er sagte „bitte“ dazu! Da konnte ich nicht nein sagen.

Mir fiel nur „Chez Yvette“ ein, und dahin gingen wir dann. Es war ein sehr schöner Abend.

Wir waren uns gleich sympathisch. Er hatte den gleichen Ausdruck in seinen Augen, wie ich als Kind, wenn ich in den Spiegel schaute: völlige Verlassenheit!“

 

„Hat er Ihnen erzählt, weshalb er in  Paris war?“

„Nein, ich habe auch nicht gefragt. Damals gab es viele Flüchtlinge aus Deutschland, meist Juden, die dort nicht bleiben konnten.

„Wussten Sie, dass er gefoltert worden war?“

„Er hatte viele Narben am Körper, wo sie ihre Zigaretten ausgedrückt hatten; als ich ihn darauf ansprach, sagte er nur: vous savez, la Gestapo! Da wusste ich das, aber nicht warum. Aber sie brauchten ja vielleicht kein Warum.“

„Sie sind gut informiert über diese Zeit, Madame Bertrand. Und Ihre Geschichte ist ebenso spannend wie seine. Das reinste Zeitdokument!“

„Es war eine schlimme Zeit, Frankreich lag wirtschaftlich noch immer darnieder. Die vielen, wechselnden Regierungen mit immer dem gleichen Personal, der Streit zwischen den Rechten und den Kommunisten, all das ließ keine Erholung zu, weder dem Land, noch dem Einzelnen. Hinzu kam die ständige, offene oder untergründige Bedrohung durch Deutschland….

Charles fürchtete, dass erneut ein Krieg vom Zaun gebrochen würde - wegen der Hochrüstung der Faschisten. Wir waren ja von Faschisten an allen unseren Grenzen umgeben.“

 

„Jetzt möchte ich Sie fragen, womit M. Charles sich beschäftigte hier in Paris, hat er gearbeitet?“

„Er half überall, bei Yvette in der Küche und im Keller, er half jedermann, wann immer jemand hier Hilfe brauchte; er trug die Kohlen, räumte die Öfen aus und trug die Asche hinunter. Er kehrte die Höfe und Werkstätten von Madame d´Ormont, all diese Dinge, und immer in Anzug und Krawatte. Als er mich am Abend des zweiten Tages zum Essen abholte, hatte er sich vollkommen neu ausstaffiert: hellgrauer Anzug, weißes Hemd, eine schöne Krawatte und Schuhe, auf dem Kopf ein béret basque, ganz wie ein Franzose der damaligen Zeit, es fehlte nur die Zigarette an der Lippe, aber bald folgte auch diese.- Übrigens war sein Französisch recht mangelhaft und die Aussprache hart, aber er lernte schnell, nach ein paar Monaten merkte man kaum noch etwas davon.“

 

 „Wenn jemand erkrankte hier im Viertel, so riefen sie oft nach ihm, er war ja Krankenpfleger!

Er ging zu den Leuten, sah sie sich an, hörte sie mit einem hölzernen Hörrohr ab, wie eine Hebamme, und kaufte oft von seinem eigenen Geld Medikamente. Einen Arzt konnten sich die Menschen hier nicht leisten!“

„Er war Arzt!“

„Oh, tatsächlich? Jetzt verstehe ich das! Er hat das nicht erwähnt, er sagte immer: ich bin eine männliche Krankenschwester.“

„Das war ein Teil seiner Camouflage, er fürchtete die Gestapo!“

„Ja, ich weiß, er meinte, überall in Paris welche zu sehen: „Die Invasion dieser Leute hat schon begonnen!“ Deshalb ging er sehr ungern in die Stadt, oder nur mit mir am Arm. Wir waren dann gekleidet wie ein armes Pariser Ehepaar.

Im Übrigen machte er lange Radtouren, zeichnete und malte. – Da fällt mir ein, ich habe eine Zeichnung von ihm selbst, ein Selbstportrait. Ich habe es rahmen lassen und an eine wenig beleuchtete Stelle in meiner kleinen Wohnung gehängt, damit es nicht so vergilbt. Wenn Sie wollen, könnte ich es Ihnen zeigen, hergeben will ich es natürlich nicht.

Und von mir habe ich ein kleines, hübsches Portrait in Öl, das er gemalt hat.“

Sie wurde ein wenig verlegen.

„Ich habe es mitgebracht, wollen Sie es sehen? Ich bin sehr stolz darauf, es ist sehr schön…“

Ich bemerkte jetzt, dass sie eine geräumige Handtasche mitgebracht hatte. Daraus nahm sie nun das Bild, in Seidenpapier eingeschlagen.

Wir hielten es unter die Tischlampe – und ich war überrascht. In seinem Bericht hatte er erwähnt, dass er gezeichnet und gemalt habe, kleine Landschaften vornehmlich, aber das hatte ich nicht erwartet: auf dunkelblauem Grund ein blasses, pausbäckiges Mädchen mit dunklen Haarfransen in der Stirn und über dem Ohr, ein tiefviolettes Tuch um Hals und Schultern, das vorn mit einer Camée geschlossen ist, ganz anders, als man sich eine junge Frau mit dieser Profession vorstellen würde.

 

„Die Zunge zwischen den Lippen, das ist eine Zufallsgeste, die jeder macht, keine Anzüglichkeit!“  sagte sie bestimmt. „ Charles liebte die Darstellung von Spontaneität, er mochte keine starren Portraits.“

„Es ist sehr schön, Madame, und Sie waren ein sehr hübsches Mädchen…übrigens erkenne ich noch jetzt an Ihnen die Ähnlichkeit: die Blässe, die glatte Haut, die vollen Lippen. Madame, ich bin entzückt von diesem Bild – und von dem ganzen Abend, ich danke Ihnen sehr!“

Wir waren bei Cognac und Café angelangt, aber es war doch noch so viel zu fragen und zu erzählen. So trafen wir uns am nächsten Morgen zum Frühstück. Nachdem ich das kleine Portrait kannte, sah ich in der alten Dame nun das blasse Mädchen dieses Bildes, als sei sie so wiedererstanden in ihrer Schönheit von ehedem, ich hatte das Gefühl, ich unterhielte mich mit jenem Mädchen.

 

Sie trug ein graues Kostüm, um Hals und Schultern ein tief violettes Seidentuch, das mit jener Camée gehalten war.

Sie bemerkte erneut meinen erstaunten Blick.

„Ich bin nicht so arm, wie man denken könnte, grace de Dieu. Madame d´Ormont und Monsieur Charles haben mir einen gewissen Betrag hinterlassen, den ich für eine Rente angelegt habe. Die erhalte ich jetzt. Es ist nicht viel – und das Geld wird ja auch immer weniger wert – aber ich verdiene ja mit meinem Stand.“

Da griff sie an die Brosche. „Die ist von Charles, schon 1937, nach den ersten Tagen. Ich trage sie nur selten, damit ich sie nicht verliere.“

 

„In dem Bericht sind die dramatischen Ereignisse der damaligen Zeit beschrieben, woher bekam er die Informationen, hier in Paris?“

„Er las französische und schweizer Zeitungen, und er saß oft an dem großen Radio von Madame, er hörte ausländische Nachrichten und Kommentare.“

„Die üble Behandlung der Juden in Deutschland hat ihn wohl entsetzt, er berichtet immer wieder davon.“

„Ja, er dachte, die Nazis würden die Juden nur nach und nach zur Auswanderung zwingen.

Er sagte: Ich bin so dumm, ich hatte immer noch nicht verstanden, wie grausam, wie mörderisch sie sind!“

 

Wir tranken unseren Café au lait in den breiten, grünen Tassen mit dem Goldrand und tunkten die Croissants hinein.

„Er hasste die Nazis und er fürchtete sie. Er sprach davon, dass wir nach Cuba oder Südamerika auswandern könnten. Er schickte mich mehrfach in die Botschaften, um Informationen einzuholen. Er selbst ging nicht hin. „Das sind für mich die gefährlichsten Orte in Paris!“ Aber wir konnten  kein Visum erhalten.“

 

Um 11 Uh saßen wir noch immer im ´Deux Magot´, niemand störte uns. Schließlich kam der Kellner und fragte: „Vous désiréz quelque chose, Mdames?“

„Oui, deux coupes de Champagne, svp!“ sagte ich.

„Et des huitres! – Wissen Sie, zu Austern komme ich nie, nicht, dass ich sie mir gar nicht leisten könnte, aber allein? Es mangelt an Gesellschaft. Die Freunde von früher sind schon alle tot. Als Erster ging Monsieur Charles.“

„Wann und woran starb er?“

„Das, Monsieur Durand, erzähle ich Ihnen, wenn Sie die Geschichte fast zu Ende haben – bis auf den Schluss… Das Heft übrigens fanden wir in seinem Schreibtisch. Mm d´Ormont hat es gelesen und mir übergeben, ohne ein Wort, aber mit Hochachtung. -

Wir hätten so schön, so friedlich miteinander leben können. Einmal sagte er zu mir: Wir könnten Kinder haben, Nadine, sie wären so schön, wie Sie! Und so klug, wie Sie, erwiderte ich. Wir blieben beim Vous, wie in der alten Zeit, es ist so respektvoll – außer, wenn wir ganz unter uns waren.

Die Deutschen haben Frankreich dann nicht angegriffen, es war ein großes Glück.“

„Monsieur Charles hat seinen Beitrag dazu geleistet.“

 

„Darf ich Ihnen noch etwas erzählen, M. Durand, eine heitere Geschichte?“

„Erzählen Sie bitte, alles, was Ihnen einfällt, es interessiert mich sehr!“

 

„Wir haben eine kleine Reise gemacht, nur wir beide, Anfang Juli 37, mit dem Auto nach Trouville sur Mer. Es war die erste Reise meines Lebens- und die Einzige. Wir fanden ein kleines Hotel, wo wir unterkamen, nicht leicht damals, wenn man nicht verheiratet war, aber Charles hat das arrangiert. Sieben Tage, es war wunderschön. Wir scherzten und plauderten den ganzen Tag, eben, wie frisch Verliebte, wir lagen im warmen Sand und spielten mit Murmeln, wie die Kinder. Wir schwammen, wenn die Flut kam und liefen über den weiten Strand bei Ebbe. Und immer schien die Sonne.- Charles war einfallsreich und witzig, wir haben so viel gelacht. Ich holte meine Jugend nach. Figurez vous, Monsieur, sieben Tage Jugend!“

„Sie haben ein schweres Leben gehabt, Madame.“

„Ja, und unverschuldet. Es war la politique maudite, die unser Leben zerrissen hat. Charles hat das oft gesagt.“

 

Wir verabschiedeten uns mit ´des bises´. Ich versprach, sie aufzusuchen, wenn ich die Geschichte weitgehend fertig hätte.

„Dann speisen wir zusammen am Abend und Sie bringen mir das Heft wieder, bitte, hier meine Karte, rufen Sie einfach an!“

 

Ich begann mit der Arbeit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Paris, 1937

 

Hitlers Tod

 

Und was sie nicht alle zusammengelogen haben, danach.

Am 21. April 37 eine offizielle Verlautbarung in den Zeitungen:

Gestern, Sonntag, den 20.April, an Führers Geburtstag, ist ein niederträchtiges Attentat auf den Führer bei seinem Besuch in K. verübt worden. Der Führer wurde aber nur leicht verletzt. Nach einer kurzen Behandlung im Krankenhaus ist er auf den Berghof zurückgekehrt.

Die Schuldigen wurden bereits dingfest gemacht. Die Gestapo verhaftete eine Gruppe von französischen Geheimdienstlern, die einem Standgericht vorgeführt und sofort erschossen wurden.

Darauf verstehen sie sich, auf willkürliche Festnahmen und Erschießungen. Und weiter:

Der Führer hat schwere Vergeltung für Frankreich angekündigt.

Dann, am 28. April:

Der Führer ist erneut zur Behandlung ins Krankenhaus gebracht worden. Es geht ihm aber den Umständen entsprechend gut. Während seines Krankenhausaufenthaltes führt Martin Bormann, sein Stellvertreter, die Regierungsgeschäfte

 

Zwei Tage später, 30. April:

 

Martin Bormann hat die Verantwortung auf SS-Führer Heinrich Himmler und Minister Josef Goebbels übertragen. Der Führer ist auf dem Wege der Besserung.

 

Mit Kopfschuss? Alles Lügen, die ihre Machtkämpfe verschleiern sollten.

 

Hier die einfache Wahrheit. Aber zuerst die Vorgeschichte, die Zusammenhänge, die Ursachen, die politischen, die gesellschaftlichen und die persönlichen.

 

 

1934

 

„Kommen Sie ´mal rein, Herr S., ich möchte Ihnen etwas sagen.- Ich verlasse die Klinik in den nächsten Tagen, wir wandern aus nach Amerika, nach Kalifornien.“

„Gott, Herr Oberarzt Korn, wie beneide ich Sie darum, hier kann man ja gar nicht mehr in Ruhe leben.“

„Das ist wohl wahr, vor allem als Jude nicht. Es gibt keine Zukunft für uns hier, das haben wir längst verstanden. Meine kleine Familie, meine Frau hat ja erst kürzlich ein Kind bekommen, geht zuerst nach England, wo wir ja Verwandte haben. Sie wissen, ich bin in London geboren. Von da werden wir dann nach Amerika fahren.“

„Ist es schwierig, ein Visum für Amerika zu bekommen? Und kann man als deutscher Arzt dort arbeiten?“

„Für ein Visum benötigt man eine Bürgschaft, die haben wir vom amerikanischen Zweig meiner Familie. Die Arbeitserlaubnis, das variiert von Bundesstaat zu Bundesstaat. In einigen gibt es Bedarf an Ärzten, dort geht es. Alles ist nicht ganz leicht, wie Sie sich denken können. Wir müssen hier alles aufgeben und dort neu anfangen. Deshalb habe ich Sie auch hier herein gebeten: mein kleines Auto, den englischen Roadster, kennen Sie doch. Ich möchte es Ihnen anbieten. Ich dachte so an 1200 Reichsmark. Es ist in gutem Zustand, aber mitnehmen kann ich es nicht.“

„Gern, es hat mir immer gut gefallen, 1200 Mark könnte ich zusammenbringen…

Herr Oberarzt Korn, es trifft mich hart, dass Sie gehen. Sie haben mir so viel Unterstützung gegeben, mir so viel beigebracht – ich bin Ihnen sehr dankbar!“

 

So verliert Karl einen Lehrer und Freund. Zur Erinnerung kauft er den Wagen, einen grünen, englischen Sportwagen, racing green mit roten Ledersitzen, rechts gesteuert, sein erstes eigenes Auto. Er wird damit ein wenig Freude erleben auf seinen Ausflügen in den Schwarzwald und an den Rhein.

 

1934

 

Der alte Chef, Dr. Walter, ruft Karl abends zu sich. Er ist sehr ernst, langsam, nachdenklich.

„Hier ist alles im Umbruch, wie Sie sicherlich schon bemerkt haben. Dr. Korn ist schon weg, heute haben sie Dr. Levy entlassen, mit sofortiger Wirkung!“

Dr. Walter macht eine große Pause und schaut auf seine zitternden Hände.

„25 Jahre! 25 Jahre führe ich diese Abteilung ohne Beanstandungen. Jetzt hat man mich zur Parteizentrale bestellt, zitiert ist das bessere Wort: Sie müssen jetzt in die Partei eintreten oder wir setzen Ihnen jemand vor die Nase, das haben die gesagt!“

„Und was haben Sie geantwortet?“

„Ich war immer ein unpolitischer Mensch, mit der Führung der Klinik, mit den vielen Operationen war ich völlig ausgelastet.- Ich bin jetzt 61 Jahre alt, ich bin müde, ich glaube, es wird Zeit, dass ich mich zurückziehe, habe ich geantwortet. Das haben sie akzeptiert. Ich werde also in Pension gehen, sobald ein neuer Chef da ist. Ich hoffe sehr, dass es ein guter Arzt sein wird, wenn auch wohl ein Nazi, ich hoffe für Sie und unsere Patienten.“

 

 

Und dann kam er, der „Neue“, Prof. Ewald aus Rostock – in SA-Uniform! Groß, blond, wässrig-blaue Augen. Spatzenhirn! Die Arroganz, die Schnoddrigkeit in Person. Er pflanzte sich ins Chefzimmer, hielt laute Ansprachen an die Mitarbeiter, die vor Nazi-Parolen strotzten und sonst nichts sagten.

Alle schlichen mit gesenkten Köpfen umher, kein Scherz, kein Witz, kein Lachen mehr!

„Ja, so ist das jetzt, und so wird es bleiben, es wird nie wieder, wie es war!“ sagte Karl laut.

 

Er stolzierte bei den Visiten und in den Op-Sälen umher, redete ununterbrochen und arbeitete nichts. Die Privatpatienten bekamen Diagnosen, die nicht zutrafen und Operationsindikationen, die falsch waren. Die Operationen führte er nicht selbst aus, Karl sollte das machen, als ältester Assistent.

Aber Karl untersuchte am Abend bei der Op-Besprechung für den nächsten Tag die Patienten selbst sorgfältig, im Beisein des „Neuen.“ Karl stellte eine andere, die richtige Diagnose, was zu heftigen Auseinandersetzungen führte – aber Karl blieb hart.

„Wenn Sie an meiner Diagnose zweifeln, so nennen Sie Ihre Gründe – oder operieren Sie selbst!“

„Eine Unverschämtheit, ich werde Sie entlassen, ich lasse Sie wegen Insubordination einsperren!“

„Tun Sie´s, tun Sie´s nur! Ich werde keinem Patienten schaden, schließlich habe ich als Operateur die volle Verantwortung!“

So ging das tagelang. Es war unerträglich. Schließlich reichte Karl die Kündigung ein.

Jetzt war Prof. E. erschrocken, damit hatte er nicht gerechnet. Außer Karl gab es derzeit nur zwei junge Assistenten, die noch nicht viel konnten.

„Das geht nicht, das akzeptiere ich nicht, Sie bleiben hier!“

„Niemand kann mich zwingen“

„Das werden wir noch sehen, Sie tun, was ich anordne!“

„Wenn Ihre Diagnosen falsch sind, operiere ich nicht, basta!“

 

Jetzt legte E. einen Tobsuchtsanfall hin.

„Verschwinden Sie, ich zeige Sie an, Sie landen am Galgen, Sie Subjekt!“

 

Karl verließ wortlos den Raum und packte seine Sachen.

Nach einer viertel Stunde erhielt er ein Handschreiben: Herr S., ich bedaure meinen Ausfall und möchte mich entschuldigen. Prof.E.

 Denn der „Neue“ war auf Karl angewiesen, die beiden tüchtigen, jüdischen  Oberärzte waren fort.

 

„Herr Oberarzt Levy, wie schön, Sie zu sehen!“

Karl steigt vom Fahrrad, abends um halb acht. Dr. Levy war vor wenigen Tagen entlassen worden, nach fast 10 Jahren Dienst als Oberarzt in der Klinik.

„Guten Abend, Herr S., wie geht´s, wie steht´s in der Klinik?“

„Schlimm, Sie fehlen überall, niemand traut sich, darüber zu reden, aber Sie fehlen allen!“

„Dr. Walter ist jetzt auch weg, höre ich, frühpensioniert! Und wie ist der neue Chef?“

„Eine Katastrophe! Immerzu läuft er in Uniform umher, operieren kann er nicht, es bleibt alles an mir hängen. Hätten Sie und Dr. Korn mir nicht alles gezeigt, wäre ich hoffnungslos überfordert. Dabei fehlt mir die Erfahrung, ich fürchte ständig, Fehler zu machen.“

„Alle Ärzte machen Fehler, jeden Tag. Lernen Sie daraus!“

„Sind Sie auf dem Weg ins `Krokodil`?“

„Eigentlich nicht, wir Juden sind auch da jetzt nicht mehr erwünscht, scheint mir, wir sind ja jetzt ausgegrenzt, „volksfremd“, außerdem, ich kann es mir gar nicht leisten.“

„Ich würde Sie gerne zum Abendessen einladen. Ich freue mich so, mit Ihnen sprechen zu können. Ich muss Sie zu so vielen Dingen um Ihre Meinung fragen.“

 

Karl und Dr. Levy speisen an dem kleinen Tisch in der Ecke, an dem Karl abends immer sitzt.

Karl liebt die Ruhe an seinem Tischchen im ´Krokodil´, ein gutes Essen und ein Glas Kaiserstühler nach 12 Stunden anstrengender Arbeit.

 

„Was werden Sie jetzt tun, Dr. Levy, wandern Sie auch aus, wie Dr. Korn?“

Ich will mich niederlassen, niedergelassenen Ärzten tun sie ja nichts.“

„Darauf würde ich nicht wetten!“

„Ach, Herr S., ich kann nicht weg.- Sagen Sie, warum tun die das? Verstehen Sie das alles?

Ich bin doch Kriegsveteran, vier Jahre Russland. Ich habe das EK1.“

 

„Er hasst die Juden, wer weiß, warum. Und was er hasst, das vernichtet er.“

„Meinen Sie, dass es soweit geht?“

„Mir wäre es zu gefährlich.“

„Aber wohin?. Wir haben ja auch gar nicht viel Geld, die Eltern sind einfache Leute. Mein Vater war Pferdemetzger. – Aber es freut mich sehr, dass ein junger Kollege so mitfühlend und kritisch ist – und nicht antisemitisch.“

„Nichts läge mir ferner. Die arische Rasse, das ist eine Erfindung, so etwas gibt es gar nicht.

In Europa haben alle ihren Samen hinterlassen, die Germanen, die Römer, die Hunnen, die Juden und die Franzosen…, also, was soll der Unsinn?“

 

Sie besprechen noch einige fachliche Themen, wie operiere ich dies, wie jenes. Gegen 10 Uhr trennen sie sich im besten Einvernehmen. Dr. Levy weiß aber immer noch nicht, was tun.

 

 

 

1934

 

Morgens, kurz nach sieben Uhr, fährt Karl mit dem Fahrrad in die Klinik. Es ist nicht weit, nur sechs Minuten. Er hat ein möbliertes Zimmer mitten in der Stadt.

Ein Mann steht im Weg, er umfährt ihn, da steht ein Zweiter, dem er nicht mehr ausweichen kann. Dieser fasst die Lenkstange mit der linken, mit der rechten Hand hält er eine Marke hoch.

„Halt, Gestapo, steigen Sie ab!“

Sie lassen das Fahrrad liegen, fassen ihn hart unter und zerren ihn in einen Wagen. Mit hoher Geschwindigkeit fahren sie einige Straßen weiter in einen Hof. Sie führen ihn in ein Gebäude durch den Hintereingang, Widerstand unmöglich. In einem dunklen Flur nehmen sie ihm alles ab, Geld, Ausweis, Gürtel, Schnürsenkel.

„Lassen Sie das, Sie haben mir nichts vorzuwerfen! Ich bin Arzt, ich muss sofort in die Klinik!“ – Keine Antwort, stattdessen wird er – jetzt freundlich – von einem Mann in Zivil, Anzug, Fliege, in ein Zimmer geführt, genötigt ist das richtige Wort.

„Setzen Sie sich, Dr. S., der sind Sie doch?“

Karl beschließt, kein einziges Wort zu sagen, egal, was passiert. Er ist denen hilflos ausgeliefert, rechtlos. Alles, was er sagt, wird gegen ihn verwendet, ins Gegenteil verkehrt.

Eigenartigerweise ahnte er, dass etwas Derartiges geschehen könnte, in einem solchen Unrechtsstaat muss man damit rechnen, in einer solchen Atmosphäre des Misstrauens Jedes gegen Jeden, das ständig weiter geschürt wird, in einem Land, in dem kein offenes Wort gesprochen werden kann, weder zu Freunden, zur Familie oder gar zu Fremden, in dem schon ein „guten Morgen“ statt Heil H. denunziert wird und zu Gestapohaft führen kann. In den ersten Wochen nach der „Machtergreifung“ im Januar 33 grüßte Karl morgens leutselig mit „Morgen“. Es dauerte nicht lange, da fasste ihn der Pförtner an der Jacke.

„Dr. S., auch Sie grüßen jetzt mit „Heil H., verstanden?“

Karl sah ihn fassungslos an. Soweit war es schon, dass solche Leute das Sagen hatten, nur, weil sie Nazis waren. Also ging er jeden Morgen durch die Pforte, steckte den Kopf in das Kabuff  und flüsterte: „Heil H., Herr Wenz!“ Dieser grinste säuerlich.

Dies alles geht ihm augenblicklich durch den Kopf – und er beschließt, eisern zu sein.

Karl beginnt, innerlich zu beten: Herr, hilf mir, Herr, erbarme Dich meiner. Immerzu.

Er setzt sich.

„Zigarette?“

Es riecht ganz grässlich nach Zigarettenrauch im Zimmer. Dieses ist ziemlich groß und grün gestrichen, an der Wand ein H-Portrait im Rahmen. Eine helle Lampe an der Decke, die Fenster verschlossen, davor starke Gitter. Die Einrichtung besteht aus einem hellen Schreibtisch, auf dem nur eine einzige Akte liegt, offensichtlich die von Karl, und zwei Stühlen.

Karl fasst sich, das Gebet läuft in seinem Hirn weiter.

„Also nicht, Kaffee?“ –„Auch nicht. Sie sprechen nicht mit mir!“

Er macht eine Pause. Langsam kommt er hinter seinem Schreibtisch hervor und tritt näher. Plötzlich schlägt er ihm mit einer Reitpeitsche, die Karl vorher nicht bemerkt hat, heftig übers Gesicht. Karl blutet an der aufgerissenen Lippe, den Streifen über das ganze Gesicht sieht man monatelang.

„Jetzt vielleicht?“

Karl erkennt, dass dieser Mann, dessen Name er nie erfährt, ein Sadist ist. Gegen solche Leute hilft nichts, wenn sie Macht über dich haben.

„Fangen wir doch einfach an! Sie sind Assistent an der …Klinik, Ihr Chef, Prof. Ewald, ist keineswegs mit Ihnen zufrieden, vor allem nicht mit Ihrem staatsbürgerlichen Verhalten.“

 

Nun weiß Karl, von wem die Anzeige bei der Gestapo kommt. Er schweigt.

„Was haben Sie dazu zu sagen?“

Keine Antwort.

„Also, wir müssen Sie erst zum Reden bringen, offensichtlich haben Sie ja etwas zu verbergen!“

Er geht zum Telefon, wählt und sagt: „Holt ihn ab, das Schwein, Zelle zwei!“

Zwei Mann in Uniform kommen herein, andere, als vorhin, Personal gibt es hier genug, zerren ihn vom Stuhl und stoßen ihn vor sich her, zwei Treppen hinab, zwei Keller tief.

Sie öffnen eine Zellentür und drängen ihn hinein.

Die Zelle ist groß und hell erleuchtet. Keine Einrichtung, keine Pritsche, kein Stuhl. Karl bleibt stehen, nach einiger Zeit setzt er sich an die Wand. Es ist kalt, sehr kalt, bald beginnt er zu zittern, die Zähne klappern. Es vergehen zwei oder drei Stunden. Die Uhr hat man ihm auch abgenommen.

Ein Schlüssel in der Tür. „Mitkommen!“

Wieder zwei Mann, einer vor und einer hinter ihm, typische Henkersknechte, grobschlächtig, schnurrbärtig, ekelhaft. Sie führen ihn in den gleichen Raum, zu dem gleichen Mann in Zivil, dem Sadisten.

„Nehmen Sie Platz. Haben Sie sich Gedanken über Ihre Sünden gemacht?“ Er sagt Sünden, der Satan!

„Ja, ich werde eine Anzeige gegen Sie bei der Staatsanwaltschaft machen wegen Nötigung, Beleidigung und Körperverletzung.“

„Machen Sie sich nicht lächerlich, die Polizei, die Staatanwaltschaft, das sind wir!“

Das zeigt, dass die Gewaltenteilung aufgehoben ist, aber, das war ja schon klar: vom Rechtsstaat zum Unrechtsstaat.

Direkt vor Karl zündet sich der Ekel eine Zigarette an – ein Kettenraucher. Doch die Zigarette dient einem anderen Zweck. Er raucht genüsslich und bläst Karl ins Gesicht, langsam und stetig. Als die Zigarette zu Ende geht, drückt er sie auf Karl`s Brust aus – durch das Hemd.

Karl schreit auf, der Schmerz ist höllisch, er schlägt ihm die Hand weg.

„Ah, Widerstand gegen die Staatsgewalt, sieh´ an, darauf steht mindestens ein Jahr.“

Er steckt sich die nächste Zigarette an, geht zum Telefon, wählt wieder und sagt: „Kommt ´rein!“

Wieder zwei Mann erscheinen, es könnten dieselben sein, reißen Karl hoch und ziehen ihm mit Gewalt Jacke und Hemd aus. Daraufhin legen sie ihm Handschellen an.

„Lassen Sie das mit den Zigaretten, es ist unmenschlich!“

„Macht aber Spaß!“ Damit drückt er eine weitere Zigarette auf Karl´s Brust aus. Karl brüllt.

„Nun kriegt er das Maul auf, na endlich! – Was machen Sie in Frankreich?“

Das Schweigen ist nicht durchzuhalten, es reizt ihn zu mehr Brutalität.

„Wein, Weib und Gesang.“

„Das gibt`s hier auch.“

„Ich bin hier geboren, hier kennt mich jeder, das geht hier nicht.“

„Und warum gerade in Frankreich?“

„Es ist Elsaß, sie sprechen Deutsch, dieselbe Mundart wie wir.“

„Ich glaube Ihnen kein Wort.“

„Da sind wir uns einig, ich Ihnen auch nicht.“

„So ein frecher Hund ist mir noch nie begegnet!“

 

Er öffnet die Schreibtischschublade und legt eine Pistole auf den Tisch. Er kann Karl jederzeit erschießen, hier oder irgendwo in ihren Kellern und wird dafür nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Man wird sagen: auf der Flucht.

„Geben Sie mir meine Kleider. Ich muss in die Klinik, 10 Operationen stehen auf dem Plan, darunter schwerkranke Kinder. Wenn sie nicht so bald wie möglich, operiert werden, sterben sie. Es könnten Ihre sein.“

„Das kann jemand anderes machen.“

„Es ist niemand anderes da!“

Er schleicht um Karl herum, immer mit der brennenden Zigarette.

„Sie haben weiter Kontakt mit den Juden!“

„Der Jüngere ist ausgewandert, der Ältere entlassen.“

„Sie stehen mit ihnen weiter in Verbindung!“

„Nein.“

„Du Lügner!“

Er drückt seine Kippe auf Karl´s Handrücken rechts und links.

Karl schreit laut auf – und sieht die perverse Lust in seinem Gesicht.

 

Sadisten sind schwer gestörte Personen, unbehandelbar. Die Psychiatrie hat sich noch nicht des Themas angenommen, nicht mal Freud, so weit Karl weiß.

Als wenn er seine Gedanken lesen könnte:

„Sie haben unter Ihren Büchern viele von Juden, Freud, das Schwein …“

 

Sie sind also in seinem Zimmer gewesen, haben alles durchsucht. Karl antwortet nicht.

 

„Ihr Schweigen ist ein Ja.“

„Sie wissen das doch schon. Sie waren in meinem Zimmer, ohne Durchsuchungsbefehl!“

„Den brauchen wir nicht!“

Die nächste Zigarette, auf dem Rücken. Er strahlt vor Vergnügen. – In der nächsten viertel Stunde folgen noch etliche Zigaretten auf Karl´s Haut.

„Wir bringen dich schon dahin, wo wir wollen.“

Seine Grammatik lässt zu wünschen.

„Sie sagen Herr Doktor zu mir, wie sich das gehört! Per du sind wir nicht!“

Weitere Brandmale.

„Was halten Sie von unserem Führer A.H.?“

Dies ist eine gefährliche Frage.- Das Telefon klingelt. Er hebt ab und sagt „Ja“, nicht aber seinen Namen, und hört.

„Er ist hier zum Verhör, ich bin noch nicht fertig.“ Er hört wieder. „Jawohl, in Ordnung!“

Er legt den Hörer ab. „Mein Vorgesetzter. Ihr Chef fragt, wo Sie bleiben. Sie können gehen.“

 

Er bestellt die Kleider. Karl zieht sich schnell an,  Über den Schreibtisch schiebt der Sadist ein Blatt, da steht: Ich wurde beim Verhör am ….1934 höflich und respektvoll behandelt.

Ich verpflichte mich zu völligem Stillschweigen -  unter Androhung von schwerer Strafe. Unterschrift.

Er wendet sich seinen Schergen zu wegen der übrigen Sachen. Karl streicht „höflich“ und „respektvoll“, steht sofort auf und verlässt den Raum, so schnell es geht. Sie lassen ihn durch den Vordereingang hinaus auf die Straße. Geldbeutel, Ausweis, Uhr, alles ist dort geblieben.

 

 

                                                    Untriuwe ist in der saze

                                                    Gewalt vert auf der Straze

                                                    Fride unde recht sint sere wunt.

 

 

Walther von der Vogelweide (ca. 1170 – 1228)

„Untreue ist in der Sasse, Gewalt fährt auf der Straße, Friede und Recht sind sehr wund.“

 

Kann man in einem solchen Land noch leben?

 

 

 

Karl schleppt sich nach Hause – mit offenen Schuhen, ein Schmerzensmann.

 

Seine Zimmertür in der Wohnung von Frau Vonhausen steht offen. Alles ist zerstört, das Bücherregal umgeworfen, der Fußboden bedeckt mit zertrampelten Büchern und Schallplatten, der Arm des Grammophons herausgerissen, die Matratze aufgeschlitzt, alle Kleider aus dem Schrank. Zu verbergen, zu verstecken hatte er hier nichts.

Frau Vonhausen erscheint in der Tür, die Arme über dem gewaltigen Busen verschränkt.

„Alles, was mir gehört, müssen Sie aber bezahlen!“

Karl schließt die Fensterläden und legt sich mitten in der Zerstörung auf die zerrissene Matratze.

Er liegt den Rest des Tages und die folgende Nacht stöhnend mit offenen Augen im Bett.

Wohin? Als Tagelöhner? Nicht mal eine Schiffspassage nach Amerika könnte er bezahlen.

Tagelöhner haben sie dort wohl auch genug! Was tun?

 

Am nächsten Spätnachmittag steht plötzlich Prof. E. in Karls Tür, die Wirtin hat ihn hereingelassen. Nichts war aufgeräumt, es  war auch nichts mehr aufzuräumen, es war alles zerstört. Sobald er sich erholt hätte, müsste er ausziehen.

 

Prof. E. bleibt mit offenem Mund stehen, ohne Gruß. „Was ist denn hier los?“

„Das wissen Sie doch!“

„War das die Polizei?“ Karl antwortet nicht.

„Geht’s Ihnen nicht gut?“

Die Wunden von den Zigaretten beginnen zu eitern. Karl öffnet die Schlafanzugjacke voller Blutflecken und richtet sich halb auf.

„Also, Herr S., ich will deutlich machen, dass ich nichts damit zu tun habe!“

„Sie haben mich denunziert, Sie selbst!“

„Nein, keinesfalls, ich habe lediglich in Gesellschaft geäußert, dass – dass Sie sich nicht, dass Ihr staatsbürgerliches Verhalten…“

„Genau, so hat sich der Gestaposchurke ausgedrückt, genauso – und Ihren Namen erwähnt.“

„Es ist ein Unglück, ein einziges Unglück!“

„Nein, es ist System, keine Spur von Unglück!“

 

„Hören Sie, Herr S., Sie müssen unbedingt wiederkommen. Niemand hat einen Op- erfahrenen Oberarzt oder Assistenten, den er mir schicken könnte. Ich habe überall herumtelefoniert, in Heidelberg, Freiburg, sogar in der Charité, überall!“

Karl schweigt. Dann: „Warum operieren Sie nicht selbst?“

„Ich habe anderes zu tun, die ganze Verwaltung, die Arbeit in der Partei… Und dann, wissen Sie, bei uns in der Universitätsklinik stand die Wissenschaft an erster Stelle, nicht so sehr die Operationen. Es gab auch nicht so viele, wie hier.“

Was der wohl publiziert hat? Über die nationalsozialistische HNO-Heilkunde?

 

„Ich komme Ihnen in allem entgegen, wenn Sie nur wiederkommen. Darf ich mich setzen?“

Er wischt sich die Stirn und setzt sich in den einzigen, alten, muffigen Sessel, der im Zimmer steht.

„Zum Beispiel?“

„Ich mache Sie zum 1. klinischen Oberarzt, damit erhalten Sie ein wesentlich höheres Gehalt!“

„Und weiter?“

„Nichts weiter, genügt das nicht?“

„Keineswegs! Für jede Operation, die ich für einen Ihrer Privatpatienten mache, erhalte ich das volle Op-Honorar.“

„Sind Sie verrückt? Das geht natürlich nicht!“

„Das heißt, ich wäre weiter Ihr Sklave, der alles macht und nichts verdient, aber die volle Verantwortung trägt.“

„Nein – doch –nein, sagen wir 10%.“

„100, oder Sie sehen, wo Sie bleiben. Irgendwo wird sich schon so ein Dackel finden.“

„Herr S., ich bitte Sie, ich flehe Sie an, kommen Sie zurück. Ich biete Ihnen, na, 20%.“

„50% des Op-Honorars – mein letztes Wort. Außerdem eine schriftliche Bestätigung der Gestapo, dass nichts gegen mich vorliegt, ein einwandfreies Führungszeugnis der Polizei, meine persönlichen Sachen einschließlich eines ungezinkten Ausweises. Sie haben genügend Beziehungen, um das zu erreichen, dazu eine persönliche, schriftliche, notariell in meinem Beisein beglaubigte Garantie von Ihnen für meine Sicherheit, die ich noch formulieren müsste.

Zusätzlich wäre ich der Personalchef, dessen Entscheidungen respektiert werden!“

 

E. rutscht tiefer in den Sessel.

„Das ist eine Erpressung!“

„Das ist ein Geschäft. Sind Sie zu mir gekommen oder ich zu Ihnen, um Sie zu erpressen?

Ich bin jetzt 34 Jahre alt und habe noch nichts verdient. Die Sklavenrolle passt mir nicht länger!“

 

Und so geschieht es letztlich, man einigt sich auf 50% des nackten Op-Honorars, schriftlich – und Karl bekommt sie. – Zum Auswandern braucht man Geld!

 

 

 

1934

 

 

Karl besucht seine Eltern. Er ist nicht oft dort, wegen der vielen Arbeit, den Nacht- und Wochenenddiensten. Karl schätzt seine Eltern, die Mutter wegen ihres unendlichen Fleißes, den Vater wegen seines Verstandes; er schweigt und schaut sich die Dinge genau an, dann bildet er sein Urteil.

Der Vater ist mittlerer Bahnbeamter. Die Familie wohnt in einem Haus der Bahn mit Garten, direkt an der Bahnlinie. Wenn Besuch kam von den Tanten, so sagten diese immer: Was ist das hier laut, wie haltet ihr das aus? Karls Familie aber hörte das nicht mehr, für sie war es ein schönes, ein ruhiges Haus.

Ein Jahr nach dem Tod seiner ersten Frau, Beate, deren einziges Kind Karl ist, heiratete der Vater wieder, Emilie. Der Vater heißt Emil, die Mutter Emilie, sie passen gut zueinander und haben zusammen fünf Kinder, ein Mädchen und vier Buben, wie die Orgelpfeifen.-

 

Osterferien. Der Vater nimmt Karl mit zu einem Spaziergang.

Als Kinder stellten sie sich vor, an der Bahn entlang um die ganze Welt zu laufen. Die Bahn war und ist ihre Verbindung zur äußeren Welt, ihre Informationslinie: der Kaiser auf der Durchreise, die Generäle. Ab 1914 die Truppentransporte nach Nordwest und bald darauf die Lazarettzüge zurück. Wo blieben die Kohlenzüge?

 

„Du bist jetzt 10 Jahre alt, ich möchte, dass du aufs Gymnasium gehst, du sollst eine gute Schulbildung erhalten, auch deiner Mutter zu Ehren!“

 

Der Vater ist Sozialdemokrat. Er war schon immer Sozialdemokrat.

Als der Krieg ausbricht, 1914, sagt der Vater: „Was geht uns der österreichische Thronfolger an, sollen sie die Schuldigen doch bestrafen - und basta!“

Anscheinend sind aber alle anderen Leute begeistert, die Augen leuchten. Die Begeisterung ist ansteckend, auch für Kinder. Aber der Vater hat ihnen verboten, auf die Straße zu gehen und den vorbeiziehenden Soldaten zuzuwinken. Doch die Züge voller Rekruten, die aus den Fenstern hängen und singen, fahren direkt am Garten vorbei – und so winken sie ihnen doch.

Mutter sagt: „Sie fahrn in Kaisers Namen!“

Beim Abendessen sagt der Vater in die Stille hinein, an Karl und seine Schwester gerichtet:

„Ja, der Krieg ist da, er lag ja in der Luft. Es gibt keinen Grund für Begeisterung, Krieg heißt Tod. – Sie meinen, in drei Monaten zurück zu sein, das ist vollkommen unsinnig. Auch 1870 waren sie nicht in drei Monaten zurück, und es gab Tausende von Toten und Verletzten.

Jetzt stehen wir aber viel stärkeren Mächten gegenüber, als Preußen damals Frankreich . Es war ja gar nicht Deutschland, es war Preußen – und Bismarck hat das provoziert! Und nun geht es grad wieder los!“ Dann, übergangslos: „ Ja, der Kaiser, der eitle Mann, er lässt das zu, mein Gott! Gut, dass du erst 14 bist!“

Dann rasiert er sich den Schnurrbart ab. „Er erinnert zu sehr an Willem zwo.“ Sagt er bitter.

„Aber, Emil, es war doch dein Schnurrbart – und nicht der des Kaisers. Seinen könntest du ja meinetwegen gerne abrasieren!“

Der Vater überlegt: „Du hast recht, Emilie.“ Und so lässt er ihn wieder wachsen. Es ist seine Art des Protestes.

Während des Krieges, als die Bevölkerung aufgefordert wurde, Gold und Silber abzugeben, sagt der Vater: „Wir haben kein Gold und Silber – und schon gar nicht für den Kaiser, soll er doch seines geben!“ Auch sollte man Kriegsanleihen zeichnen. Der Vater sagt, und sein feines Lächeln, das Karl so sehr an ihm mag und das so ansteckend ist, verlöscht:

„Wir haben nichts zu essen und kein Geld für den Krieg: Sie sollen das sinnlose Gemetzel sofort beenden!“

„Aber, Emil, was sollen denn die Kinder denken?“

„Ganz recht, Emilie, sie sollen selber denken!“

Das nimmt sich Karl dann zu Herzen.

 

 

!910

 

 

Das Gymnasium ist ein klassizistischer Bau aus gelbem Sandstein. Und steht, wie könnte es anders sein, in der Bismarckstraße. Vom Bahnhof läuft Karl zu Fuß gut eine halbe Stunde. Vater hat ihm die alte Taschenuhr des Großvaters gegeben. Sie war ´mal versilbert, jetzt schaut das Blech hervor. Auf dem rückwärtigen Deckel ist sie graviert: Friedrich S. 1862.

Karl ist sehr stolz auf die Uhr und hat sie mit einer Schnur an die Gürtelschlaufe gebunden. Eine Kette gibt es nicht mehr.

Bei der Aufnahmeprüfung wäre er beinahe durchgefallen, obwohl die Noten vorher alle sehr gut waren.

Man ruft ihn an die Tafel für eine Mathematikaufgabe zu lösen, die er jedoch nicht lösen kann.

Die beiden Prüfer lachen. Karl wird dennoch zugelassen.

Der Vater sagt zu Hause: „Sie wollten dich durchfallen lassen, weil ich nur mittlerer Bahnbeamter bin!“

Die Eltern der anderen Schüler sind höhere Beamte, Ärzte, Anwälte, Ingenieure.

 

Das Klassenzimmer ist mehr als vier Meter hoch mit hohen Fenstern. Vorn in der rechten Ecke steht ein riesiger Ofen aus Gusseisen, der im Winter Kohlegeruch verbreitet - wenn es Kohlen gibt. Oft gibt es keine, dann wird es im Klassenzimmer von Tag zu Tag kälter.

 

Herr Kölmel betritt das Klassenzimmer, der Lateinlehrer. Alle stehen auf. „Setzen!“

Sie setzen sich in die alten, verkratzten Bänke, Kinderbänke, acht lange Jahre lang. Dann geht’s in den Krieg.

 

Asinus der Esel, canis der Hund, puella das Mädchen. Karls Schwester Hilde hört ihn ab und lernt dabei gleich selber Latein. Hilde ist nur um zwei Jahre jünger, die beiden können alles miteinander bereden, sie ist sein bester Kamerad bis heute, obwohl sie schon 1919 an der Grippe starb, innerhalb von drei Tagen. – Jetzt hat Nadine ihre Rolle übernommen.

Der Unterricht geht von 8 Uhr morgens bis 1 Uhr, sechs Tage in der Woche; jeden Tag gibt es zwei Stunden Latein, jede Woche einen „Lateinstil“, eine Übersetzungsarbeit. In den höheren Klassen ist das Tacitus oder Cicero. Der Satz geht über 15 Zeilen, ganz am Ende steht das Verb.

Sie erfahren viel über römische Geschichte, die Republik, Caesar  und Caesars Ermordung, Oktavian-Augustus. Neben der Tafel hängt eine Karte des römischen Reiches. Sie hören sehr wenig über neuere Geschichte, etwas von der Reichsgründung und natürlich von Bismarck – und von den Ottonen. Am Ende, nach der Schule, muss Karl die nötige Bildung selber nachholen. Was haben sie gelernt in den vielen Jahren? Viel Latein und Griechisch, das Meiste bald vergessen, etwas Französisch und die grässliche Mathematik, nichts, was man anscheinend braucht im Leben. Und doch war all das die Voraussetzung für Bildung.

 

Zurück zum Klassenzimmer:

 

An den Wänden sind Haken, an denen die Kleider hängen. Nach fünf Stunden bemerken sie selbst den Gestank, den Gestank von Mänteln und Jacken und Mützen, von ungewaschenen Haaren und ungewaschenen Leibern.

In der Pause rennen sie die Treppen hinunter in den Hof. Man trifft sich in der Latrine zum Pissen an eine Betonwand. Schon beim Eintreten schlägt ihnen der ätzende Geruch von Ammoniak entgegen. Putzt man mit Ammoniak? Nein, man putzt gar nicht, sie haben nie jemand putzen gesehen. – Dann kicken sie mit Kastanien oder Steinchen, und alle sind so albern, wie möglich, während  Homers Hexameter in ihren Köpfen tönen:

 

Μή δή μοί θάνάτον γέ πάράυδά, φάίδίμ´ Оδυσσέυ.

 

(„Verkläre mir doch nicht den Tod, glänzender Odysseus!“

Achilles zu Odysseus in der Unterwelt)

Karls Ausgabe der Odyssee von Teubner, 1901, ist voller Männchen, in den langen Stunden hineingekritzelt, voll von Karikaturen der Schüler und Lehrer, voller Hühner, Kaninchen und Hunden.

Alles wird benotet, ein ewiger Wettlauf um Noten. Karl fragt sich oft: halte ich das neun Jahre aus? Es sind  nur acht Jahre, dann folgt die Musterung und die Einberufung.

 

Als er später wieder in die Schule kommt, um das Abitur nachzuholen, ist nur noch ein Drittel der alten Kameraden am Leben. Von diesen sind einige schwer verwundet, die Möglichkeiten, sich im Leben zu entfalten, sind ihnen genommen. Einer hat sich bald erschossen.

 

 

 

Der Latein- und Klassenlehrer Kölmel erzählt, dass die Römer ihre Heerstraße über die Höhen des Schwarzwaldes legten, man könne die jetzt noch sehen. In der Rheinebene waren nur Wälder und Sümpfe, so dass sie dort keine Straße bauen konnten.

„Können wir das nicht mal anschauen?“ fragt  einer, ohne die Hand zu heben oder aufzustehen, wie es verlangt wird. Die Disziplin bleibt von Woche zu Woche mehr auf der Strecke. Alle sind ausgehungert und fahrig, alle wissen, dass auch sie bald in den Krieg müssen, und alle, die Lehrer wie die Schüler, sind kriegsmüde.

„Ich will den Herrn Direktor fragen, vielleicht könnten wir einen Ausflug in den Schwarzwald machen.“

 

Und den machen sie dann tatsächlich. Herr Kölmel meldet sich krank, er weiß wohl, warum.

Stattdessen begleitet sie Herr Krommer, der Sportlehrer, ein strenger, harter Mann, schon über 50, der immer eine Haselnussgerte auf dem Sportplatz bei sich trägt, mit der er den Buben zärtlich  auf den Kopf  klopft oder auch schon mal beim 200 Meterlauf auf den Rücken schlägt: Los, du Flasche, schneller!

Sie fahren mit dem Zug in den Nordschwarzwald und treiben unterwegs schon allerhand Unfug. Herr Krommer liest die Zeitung und denkt sich: die werden schon müde werden beim Wandern.

Sie wandern dann, der Lehrer mit der Karte, die er aber nicht recht lesen kann, vorweg.

Alle helfen ihm, schauen über seine Schulter in die Karte – und weisen einen anderen Weg.

Nach zwei Stunden haben sie sich hoffnungslos verlaufen, von Römerstraße keine Spur.

Alle lachen, kauen Vesperbrot und sprechen mit vollem Mund, einige haben die Hemden ausgezogen, denn es ist sehr warm. Sie schlagen sich, sie werfen sich gegenseitig in den Wald, sie pinkeln am Weg, einfach so mal schnell. “Lupus kann seinen Kleinen nicht finden!“ Hans Hohl singt laut, immer wieder:

 

„Schön und kaffeebraun

sind alle Frau´n

in Kingstentown.

 

und

 

Pedro aus Caracas

in Südamerika

handelt mit Ananas

A n a n a s!

 

Plötzlich sind Einige weg. Sie klettern einen Sandsteinfelsen hinauf, johlend und schreiend.

Herr Krommer brüllt: „Kommt runter, ihr Affen, seid ihr denn noch gescheit? Wenn Einer von euch ´runter fällt, komm´ ich ins Gefängnis, unterlassene Aufsicht!“

„Wir verteidigen Sie, uns kann man nicht beaufsichtigen!“

„Ja, das stimmt, sagt Krommer leiser. Dann setzt er sich auf einen Stein, völlig entnervt.

„Nie wieder geh´ ich mit euch irgendwohin. Ihr kriegt alle Karzer!“

„Aber, Herr Krommer, wir sind doch sowieso bald tot!“

 

Herr Krommer schaut sehr nachdenklich in seine Karte.

„Dort unten ist ein Dorf, lasst uns dorthin gehen und einkehren, ich glaub´, ich brauch´ einen Schnaps. Den müsst ihr mir dann aber ausgeben, ihr Lumpen, das seid ihr mir schuldig!“

 

In dem Gasthof trinken dann alle zwei Dünnbier und sind glücklich, auch der fromme Weber.

Und schreien weiter durcheinander.

Herr Krommer trinkt sein Schnäpschen, eins vor und eines nach dem Bier und lächelt selig:

„Ihr seid alle verrückt!“

„Bei so viel Latein und Griechisch kann man ja nur verrückt werden!“

Lehrer Krommer lächelt verständnisvoll. Ob er wohl Latein und Griechisch hatte?

„Ihr solltet mehr Sport treiben.“

„Damit wir bessere Soldaten werden!“

Da sind sie wieder beim Thema.

 

 

1934

 

 

Als Karls Vater die frische Narbe an der Unterlippe sieht, fragt er scherzhaft: „Welche deiner Freundinnen hat dich in die Lippe gebissen?“

„Die Freundin heißt Gestapo. Für andere habe ich leider nicht genügend Zeit.“

„Was wollten sie von dir? Was hatten sie dir vorzuwerfen?“

„Es war eine Denunziation – vom neuen Chef.“ Karl erzählt kurz den Hergang der Verhaftung und der Folter.

„Wir sind ein Gestapoland geworden, Spitzel, Denunzianten, Verleumder überall, auch bei der Bahn. Man muss jedes Wort überlegen, ein falsches kann dich an den Galgen bringen. Soweit haben wir es kommen lassen: die Verfassung außer Kraft, Recht kann man nicht mehr bekommen. Dieser ekelhafte Gruß: Heil, Caesar, dir, den ganzen Tag, ich kann´s nicht mehr hören, widerlich!“

„Mir geht es genauso. Wohin geht das, wohin führt das?“

„Es war vom ersten Tag an eine Gewaltorgie. Wer was zu sagen hatte in der sozialdemokratischen Partei zum Beispiel, wurde verhaftet, wenn es ihm nicht gelungen war, im letzten Moment das Weite zu suchen. Ich bin schon 1915 ausgetreten, als die Partei im Reichstag alle Kriegswünsche der Regierung absegnete, aber ich habe noch meine Kontakte.“

„Ist das nicht gefährlich?“

„Ich bin nicht aktiv, dazu bin ich zu alt, aber ich erfahre so Manches. Es soll überall Gefangenenlager geben…“

„Dostojewski: Aus einem Totenhause.“

„Ja, nur dass der rechtskräftig verurteilt und dann von der Todesstrafe begnadigt wurde. Er hat, glaube ich, vier Jahre im Lager verbracht. Jetzt kommen die Leute dahin ohne Prozess, ohne Urteil, und wie´s ihnen dort ergeht, werden wir nie erfahren. Ernst Thälmann, der Kommunistenführer, wurde auch sofort verhaftet und ist seitdem verschwunden.“

 

„Die Liste ihrer Verbrechen ist lang. Hast du „Mein Kampf“ gelesen, Vater?“

„Ich hab´s versucht, aber es hat mich angeekelt und ich hab´s weggeworfen. Aber ich hätte es wohl behalten sollen, ich könnte dann nachschlagen, wohin das Ganze führt, es steht ja darin.“

„Wohin es geht, hat Dostojewski auch beschrieben, in den „Dämonen“, zwar für die Kommunisten, aber das Strickmuster ist ja das gleiche.“

„Man darf sich keinen Illusionen hingeben. Wenn man überlegt, was sie sind, alle miteinander, nämlich Ganoven, Lügner und Diebe, angeführt von einem Oberganoven, der alles anordnet und jedes Verbrechen deckt, wenn es nur seinen Interessen dient, dann wird schnell klar, wie es weitergeht.“

„Warum hasst er so? Die Juden, die Sozialdemokraten, die Kommunisten, die Literatur, die zeitgenössische Malerei: warum dieser schreiende Hass?“

„Es ist sein Charakter, es befriedigt ihn zutiefst – und Mord, Mord ist seine wahre Leidenschaft. Wie viele Morde haben sie schon begangen, allesamt ungesühnt? Tausende!

Und das nach erst zwei Jahren! Es werden noch viele hinzukommen, sehr viele, das ist es, wohin es führt! – Und was tust du jetzt?“

„Ich weiß es noch nicht. Erzähl mir bitte, was du tust! Beamte müssen Parteimitglieder sein, nicht wahr?“

„Ich habe schon zwei Aufforderungen unbeantwortet gelassen. Ich werde einen Pensionsantrag stellen, aus gesundheitlichen Gründen. Ich sehe schlecht. Auch mit Brille kann ich die Fahrpläne und Anweisungen kaum noch lesen. Den Bahnarzt kenne ich schon 20 Jahre, es wird schon gehen. Und dann hoffe ich, meine Ruhe zu haben.“

„In diesem Land hat jetzt wohl niemand mehr seine Ruhe, auch ein Pensionär nicht.“

„Weißt du, Karl, wenn ich jung wäre, wie du und nicht verheiratet, so würde ich gehen, so schnell, wie möglich!“

„Das ist nicht einfach. Mit deutschem Examen kann ich als Arzt nirgendwo arbeiten. Die Zeiten, in denen die deutsche Medizin führend war, sind im Dritten Reich vorüber. Die Wissenschaftler sind schon alle weg. Zum Auswandern braucht man Geld für die erste Zeit.

Man müsste überall ganz von vorne anfangen, in einem anderen Beruf, Tellerwäscher zum Beispiel!“

„Sicher, aber man würde auch keine Schuld oder Mitschuld auf sich laden. Sie machen uns doch alle zu Schuldigen!“

„Das ist sehr hellsichtig, Vater. Dostojewski hat auch das in den „Dämonen“ beschrieben.“

 

Der Vater hatte in den letzten Jahren sehr viel gelesen, sein Bücherschrank wurde immer länger und höher.

 

„Ich glaube, in der Literatur kann man das, was jetzt vorgeht, nicht finden. Bei früheren Tyrannen war es nicht so schlimm, bei Caesar, bei Napoleon zum Beispiel – die Freiheit selbst im Vergleich zu heute.“

„Höchstens bei Calvin in Genf! - Ich brauche etwas Geld, dann gehe ich. Ein oder zwei Jahre wird´s wohl noch Zeit haben, vor dem nächsten Krieg, den will ER doch? Wozu sonst diese Hochrüstung? Millionen von Soldaten schon, die Kinder bereits militärisch gedrillt, Tausende von Panzern und Kanonen, riesige Kriegsschiffe, U-Boote. Und seine aggressiven Reden dazu!“

 

Sie umarmen sich und müssen sich ihrem Schicksal überlassen, das sie nicht mehr allein bestimmen, A.H. bestimmt das.

 

 

1935

 

 

Ilona ist Ungarin. Sie spricht ein lustiges Deutsch mit unverständlichen, ungarischen Einlagen, manchmal ganze ungarische Sätze, wobei sie Karl bedeutungsvoll anschaut.

 

Ilona ist jung und schön. Und sie riecht so gut, nach Weib! Sie hat runde, feste Brüste und einen herrlichen, dunklen Busch, dunkellockig, wie ihr glänzendes Haar. So recht die Trösterchen in diesen Zeiten.

Die ´Zeiten` hatten sich ein wenig beruhigt, die Olympiade erschien am Horizont, die Exzesse der Schlägertrupps und der Gestapo gingen zurück. Das „Dritte Reich“, SEIN Reich sollte in der Wahrnehmung des Auslandes friedlich aussehen. Welch glänzender Schachzug! Und das schon ein Jahr nach dem „Röhm-Putsch“, als ER, ganz nach Ganovenart, seinen Mörderbruder Röhm und Genossen umbringen ließ.

 

Die Leute waren´s zufrieden, sie feierten, sie tranken Champagner und Moninger-Bier, sie lachten, sie tanzten, sie vögelten.

 

Eines Abends kommt sie mit einer großen Tasche, Ilona.

„Keine Angst, ich zieh` nicht ein!“

Natürlich zieht sie ein. Sie liegt im Négligé auf dem Sofa und telefoniert, stundenlang. Was sie tagsüber treibt, weiß Karl nicht, er ist ja nicht da, jedenfalls telefonieren und keinesfalls arbeiten.

„Ich bin Sekretärin!“

 

Ilona schimpft wie ein Rohrspatz auf die Nazis: „Diese Verbrecher, schau, wie sie ´rumlaufen!“

„Vorsicht, Ilona, alle hören mit, die Wände, die Nachbarn und die Spatzen.“

„Du Angsthase!“

„Hier kein politisches Wort, bitte, die Gestapo hat mich geimpft.“

 

Geld darf Karl nicht liegenlassen, sie nimmt es sich sofort und kauft sich etwas Neues, ein Kleid, eine Handtasche… Karl lässt oft bewusst Geld liegen, so ist sie immer gut gekleidet.

 

Karl ist übel, er musste sich übergeben. Gegen halb fünf fährt er nach Hause, drei Stunden früher, als sonst. Er öffnet die Tür. Ein großer SS Mann steht im Wohnzimmer, die Mütze in der Hand. Ilona liegt im Sessel, den Bademantel weit geöffnet, nackt.

Karl geht wortlos ins Schlafzimmer, reißt die zerwühlten Laken herunter. Der SS-Mann macht sich aus dem Staub.- Karl öffnet den Schrank und nimmt alle ihre Kleider samt Bügel über den Arm und wirft sie in den Hausflur.

Ilona fängt an, zu schreien:

„Du Wahnsinniger, Du Irrer, Du Mistkerl!“ In dieser Art.- Karl packt sie beim Kragen und wirft sie vor die Tür, einen Koffer hinterher. Sie zetert und droht noch eine Weile, dann ist sie weg.

 

Das war Karls Ausflug ins Reich der Sinne, ungarisch!

 

1918

 

In das Musterungslokal, eine Turnhalle, müssen immer zehn Mann auf einmal eintreten, bis auf die Unterhose entkleidet. Ein Feldwebel brüllt, ein anderer schreibt hinter einem Tisch die Angaben des Doktors auf. Dieser ist ein gemütlicher, kleiner Mann mit roten Bäckchen, in Anzug und Weste, darüber einen weißen Kittel, den er offen lässt. Um den Hals hängt ein Stethoskop, in der Kitteltasche steckt ein Hämmerchen. Das sind all seine Instrumente.

 

Alles ist recht lustig, außer dem Feldwebel. Er ruft die Namen auf: „Vortreten!“

Der Doktor schaut sich die Nackten an, die O- und X-Beine, die Platt- und Spreizfüße, die Hühnerbrust, all die hübschen Dinge.

Dann beginnt er zu klopfen und abzuhören, kurz und fachmännisch.

„Pleura drei Querfinger verschieblich, Vesikuläratmen.  Herzaktion regelrecht, Puls 70/Min, Zunge weißlich belegt, Mandeln vergrößert, leichte Lymphknoten am Kieferwinkel – Haben Sie das?“ Der Soldat schreibt.

Dann Kniebeugen.

„Hose runter!“ schreit der Feldwebel.

Nun noch das Allereigenste.

„Normales Gemächt, beide Hoden deszendiert, leichte Phimose.“ Alle grinsen.

„Hier wird nicht gegrinst!“ Der Feldwebel schreit; zu tun hat er sonst nichts.

Messen und Wiegen: „1m70,  48 Kg.-  Untergewicht!“ diktiert der Arzt. Alle haben Untergewicht.

„Kein Wunder, von den Marken kann ja auch keiner leben.“ Ruft Karl.

„Halten Sie den Mund, Sie sind nicht gefragt!“ Faucht der Feldwebel, der Doktor aber sagt:

„Ja, ja, leider, leider!“

Nun noch das Gehör. Geflüsterte Zahlen aus drei Meter Abstand. Die Augen prüft eine junge Schwester. Sie sind immer noch in Unterhose.

 

Alle werden mit 1 oder 2 gemustert, sie brauchen frisches Fleisch in Flandern. Der Vetter Hans, der so kurzsichtig ist, wie ein Maulwurf, -5 dpt.,  wurde auch tauglich gemustert, als Futter für die Kanonen muss er nichts sehen.

Vorstellen kann sich den Krieg eigentlich keiner. Die offiziellen Meldungen von der Front sind durchweg positiv, glauben tut das niemand mehr. Bilder gibt es nicht.

 

Nach der Musterung stehen sie noch ein Weilchen draußen vor der Tür zusammen.

„Wenn sie mich zu Grabe tragen, haben sie nicht viel zu tragen, 48 Kg.“ Sagt Karl.

“Du glaubst doch nicht, dass dich noch einer zu Grabe trägt? Du bleibst einfach liegen. Du kannst von Glück sagen, wenn dich der nächste Einschlag zudeckt – nee, du kannst sowieso gar nichts mehr sagen! Mein Bruder liegt schwer verletzt im Lazarett, ihm fehlt das linke Auge und der Oberkiefer. Er hat erzählt, wie es da zugeht an der Westfront!“

Alle verstummen und machen sich still davon.

 

Als Karl nach Hause kommt, sagt der Vater:“Sie werden dich bald einziehen, aber die Grundausbildung dauert drei Monate und bis dahin ist der Krieg zu Ende. Die Offensive an der Marne ist gescheitert. Unser Land ist vollständig erschöpft, es geht nicht mehr.“

Das kommt dann aber doch anders.

 

 

1918

 

 

Karls Vetter Hans liegt im Lazarett. Der ganze Kerl riecht nach Jodoform. Er hat einen Lungen -Durchschuss rechts in Russland bekommen.

„Hab´ Glück gehabt.“ Sagt er. Aber es geht ihm nicht gut, er liegt hier schon sechs Wochen.

Das Lazarett ist in einer Schule untergebracht, in den Klassenzimmern liegen immer 30 Mann in Feldbetten mit blau gestreiften Laken. Manche stöhnen und wälzen sich, andere schauen nur mit leeren Augen an die Decke.

„Kurz bevor einer stirbt, bringen sie ihn raus auf den Flur“ Erklärt Hans. „Es sterben viele. Ich will hier ´raus, ich halt´s nicht aus!“ Er ist mit Zügen wochenlang von Lazarett zu Lazarett gebracht worden – und lebt immer noch.

„Ich bring dir ´was zu lesen.“

„Ach, lass´ mal, ich schau mir lieber die Ärschlen von den jungen Schwestern an!“

Typisch Hans. Er hat dann tatsächlich überlebt, doch immer wieder ist die Wunde aufgegangen, ein ganzes Jahr lang!

 

 

1918

 

 

Die Grundausbildung, die in Friedenszeiten drei Monate dauerte, ist nach vier Wochen beendet. Sie findet in der großen Kaserne in der Moltkestraße statt.

Strammstehen! Präsentiert das Gewehr! Latrine reinigen, marschieren, wieder Stammstehen.

Mit voller Ausrüstung durch Stacheldraht robben – es regnet fein und stetig. Danach Uniform säubern, Stiefel wichsen, Essen fassen: Graupensuppe mit Kohl, feuchtes Kommissbrot.

 

Schießausbildung. Sie schießen alle daneben. Die Unteroffiziere brüllen sich heiser, es wird nicht besser. Neben Karl, der auf dem Bauch liegt, taucht der Feldwebel auf. „Sie schießen nicht schlecht.“ Er schaut sich das Gewehr an – und gibt ihm ein anderes.

„Anlegen, nur Sie! Feuer!“ Karl trifft. „Noch mal!“ Karl trifft erneut. Der Feldwebel geht wortlos, übt einzeln mit anderen Rekruten. Nach einer halben Stunde, am Ende seiner Geduld, kehrt er zurück. „Name?“ Karl steht stramm. „Rekrut Karl S., 13. Kompanie!“

„Sie melden sich anschließend auf der Schreibstube!“

„Übermorgen, 8 Uhr, Abmarsch zum Bahnhof! Hier Ihr Marschbefehl. Sie werden zum Scharfschützen ausgebildet! Weggetreten!“

 

Karl fährt mit Urs, einem Jungen aus dem Schwarzwald mit schweizer Mutter zur Schwäbischen Alb. Auf einer der flachen Höhen steht eine ehemalige Wanderherberge,

die jetzt die Kaserne für die Scharfschützen ist.

Die Behandlung der Rekruten dort ist locker, wesentlich angenehmer als bei der Grundausbildung. Die ehemaligen Kameraden aus der Moltke-Kaserne sind bereits auf dem Wege zur Westfront – in den Tod.

Auf der Alb dauert die Ausbildung weitere vier Wochen. Karl erhält ein Gewehr mit langem Lauf und Zielfernrohr. Es ist eine sehr schöne Waffe, zielgenau und präzise. Am besten ist das Fernrohr: noch in 400 m Entfernung sieht man das Auge eines Menschen.

Schießen im Liegen, im Knien, im Stehen im Schützengraben. Man schießt auf Pappfiguren.

„Schießen Sie jetzt genau ins Herz, es sind 350 Meter!“

Karl schießt ins Herz – und hofft, dies niemals tun zu müssen.

Mit Urs freundet er sich an. Die Rekruten kommen aus dem ganzen Reich, Urs und Karl sind Süddeutsche, sie verstehen sich und halten zusammen.

 

Die Verpflegung ist gut. Fast täglich gibt es dicke Bohnensuppe mit Speck und richtigem Bauernbrot. Am Abend auf den Pritschen furzen sie um die Wette in allen Tönen, bis einer sagt: Schluss jetzt, Kinder, mit dem Stimmen der Instrumente, wo ist die Partitur?

 

 

1935

 

 

Am Vormittag war ein Patient mit einer schweren Mittelohrentzündung eingeliefert worden. Karl untersuchte ihn. Er hatte schon eine beginnende Nackensteifigkeit, die eine Hirnhautentzündung anzeigt. Karl operierte den Mann am frühen Nachmittag .  Das Mittelohr und die angrenzenden Räume wurden vollständig von eitrigen Herden befreit. Der große Hirnblutleiter lag frei, der Knochen darüber war fast aufgelöst. Mehr als diesen schweren, eineinhalb Stunden dauernden Eingriff, konnte man nicht tun.

Der Zustand des Patienten verschlechterte sich trotz Operation, Medikamente gegen die Entzündung gab es nicht, so dass der Tod abzusehen war.

Karl machte am Abend Visite und setzte sich an das Bett. Der Patient war schon nicht mehr ansprechbar. Karl fasste seine heiße Hand. Zur Schwester sagte er: Lassen Sie mich allein!

 

Der Patient war in Karls Alter. ´So also muss jemand in diesem Alter sterben, weil Die Medizin keine Medikamente gegen Bakterien, keine Mittel mehr hat!´

Der Nachttisch stand offen, darin die Papiere des Mannes. Karl las: Josef Müller, geboren am 2.10. 1900 in R. Augenfarbe Braun, Haarfarbe braun. Größe 1.70 m. Keine besonderen Kennzeichen. Beruf: Krankenpfleger.

 

Den Ausweis würde Josef Müller nicht mehr brauchen. Nach einem Jahr schon würde der Mann weitgehend vergessen sein. Seine Familie würde ihren gewohnten Tagesablauf haben, seine Frau einen anderen Mann.

Der Ausweis verschwand in Karls Kitteltasche. Niemand würde ihn vermissen. Er aber könnte ihn brauchen, wenn er Deutschland verließe – und dazu war er entschlossen. Er ist so alt, wie ich. Wegen des Geburtsdatums im Oktober ist ihm der Einsatz im Krieg wohl erspart geblieben.- Karl dachte an seine eigene, kurze Kriegsepisode in Flandern:

 

Aufgerissene, verbrannte Erde, überall durchzogen von eingestürzten Schützengräben und Unterständen; Lehm, Nässe und Exkremente, Fetzen von Uniformen, Helmen, Gasmasken, aus dem Grund ragende Gliedmaßen, Füße mit Stiefeln, verkrampfte Knochenhände, halb verfaulte Schädel, die Hölle selbst, Hieronymus Bosch. Tag und Nacht anhaltender Beschuss mit Granaten von beiden Seiten, ein ungeheueres Getöse. Gab es mal Feuerpausen, so versuchte man, die Verletzten wegzubringen, einen Schluck Wasser zu trinken, eine Scheibe matschiges Brot zu essen und seine Notdurft zu verrichten, irgendwo.

Karl und Urs standen dann im Schützengraben, 30 Meter voneinander entfernt, ihre Zielfernrohre auf die gegnerischen Linien gerichtet, dahin, wo man sie im Schlamm vermutete.

Ein völlig unerwarteter Granateinschlag schleuderte Urs in die Luft und riss ihn in Stücke.

In einer Lawine von nasser Erde traf Karl ein Granatsplitter am rechten Oberschenkel, eine tiefe Fleischwunde. Er hinkte in den Unterstand, in dem der Leutnant und die Unteroffiziere auf Kisten saßen, rauchten und Rotwein tranken. Sie verbanden ihn notdürftig und sandten ihn nach hinten. Nach zwei Stunden, das Dauerfeuer hatte wieder eingesetzt, erreichte er einen Verbandsplatz, vor dem viele Schwerverwundete auf Tragen lagen.

Karl bat nur um Jod und Verbandsmaterial und versorgte seine Wunde selbst. Niemand hatte Zeit, ihm zu helfen. Das Gehen fiel nun immer schwerer, der Schmerz nahm zu. Er fand eine Latte, die er als Stütze gebrauchte. Sein Gewehr hielt er eisern fest. Es konnte jederzeit, auch in der Nacht, eine Erstürmung durch den Feind stattfinden. Der Feind: Franzosen, Engländer, Iren und Schotten, Algerier, Australier – eine Völkerschlacht!

Bei einem rückwärtigen, intakten Befehlsstand meldete er sich und erhielt einen Marschbefehl in ein Lazarett, das er jedoch erst am nächsten Morgen erreichte. Die Wunde hatte sich entzündet und wurde breit ausgeschnitten, ohne Betäubung. Karl lag in diesem Lazarett zwei Wochen. Am 6. November wurde die Kapitulation des Deutschen Reiches unterschrieben, alle Waffen schwiegen. Die Überlebenden des Mordens gingen einfach nach Hause.

 

Urs, sein guter Freund, war tot. Warum bist du nicht rechtzeitig in die Schweiz gegangen, wie deine Mutter riet?

Nach Tagen erreichte Karl seine Heimatstadt, das Gewehr geschultert.

Als er aus dem Bahnhof trat, sprach ihn ein alter Mann an: „Soldat, ein Schinken gegen Ihren Mantel?“ Karl zog seinen Mantel aus und nahm den Schinken. So hatte er wenigstens etwas mitzubringen für die hungernde Familie.

 

Cora, die Hündin, muss ihn von weitem bemerkt haben. Sie sprang über das Gartentor und lief ihm mit Freudengebell entgegen. In der Schulzeit – das kam ihm nun lang entfernt vor – war er jeden Nachmittag  mit ihr eine Stunde am Bahndamm entlang auf Kaninchenjagd gegangen, Coras schönster Zeitvertreib.

Das Gewehr versteckte er an sicherem Ort. Nie hat jemand danach gefragt.

 

 

 

 

Im April fährt Karl mit dem Zug nach Freiburg, um sich in Medizin zu immatrikulieren. Beim nächsten Mal wollte er lieber Verwundete versorgen, als im Schützengraben zu stehen.

Es ist ein sonniger Tag. Er steht am offenen Fenster im Gang und schaut auf die Landschaft, das schöne Baden. Die Schwarzwaldhöhen begleiten den Zug, zartgrün, von bläulichem Dunst verschleiert.

Im Immatrikulationsbüro steht Karl allein vor dem Schalter. Die Sekretärin nimmt den Ausweis und das Abiturzeugnis, füllt ein Formular aus, seine Immatrikulation in Medizin, so einfach ist das. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!“ Es ist der 20. April.

Karl hat rechtzeitig Abitur gemacht mit Note 2, ein Gnadenabitur für Kriegsteilnehmer, niemand ist durchgefallen.

Anschließend besteigt er den Turm des Münsters aus rotem Sandstein. Von hier hat man einen weiten Blick nach Westen bis zum Kaiserstuhl und zu den Vogesen. Ein mittelalterliches Städtchen, dieses Freiburg, durchzogen von schnell fließenden Bächlein. Er wird sich wohl fühlen hier, endlich Frieden, ein unruhiger zunächst mit Attentaten, Aufmärschen und Geschrei. In Freiburg wird das wohl nicht allzu schlimm werden, hier haben noch der Bischof und die vielen schwarzen Kutten das Sagen. Warum haben die eigentlich nichts gesagt, als der Krieg begann? Sie mussten wohl Kanonen segnen!

Karl nimmt ein Zimmer in der Stadt, es ist winzig klein, ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, ein wackliger Schrank. Über dem Bett ein Weihwasserfässchen und ein Kreuz.

 

Nach dem Physikum wechselt Karl nach Heidelberg. Er wohnt bei einer sehr alten, immer schwarz gekleideten Frau in Rohrbach. Morgens wäscht er sich in der Küche mit freiem Oberkörper am Spülstein, der einzigen Wasserquelle im Haus, während die alte Frau am Küchentisch ihre warme Milch mit eingeweichten Brotstückchen löffelt. Es macht ihr sichtlich Freude, Karl zuzusehen.

 

Im Semester sind nur 50 Studenten, alle kennen sich. Die Professoren nennen die Studenten mit Namen. Man kann in Vorlesungen und Seminaren Fragen stellen und erhält eine klare Antwort. Aber auch mal ein: „Das müssen Sie aber jetzt nachlesen, das sollten Sie längst wissen!“ Das spornt an.

 

Schließlich macht Karl mit drei Freunden, Costas aus Athen, Menachem aus Tel Aviv und Friedrich - aus dem Odenwald-  Examen, alle mit summa cum laude.

Gefeiert wird nur mit einem Bier, keiner hat Geld.

Die politischen Wirren sind weitgehend an ihnen vorübergegangen, auch die Inflationszeit.

In der Mensa gab es noch etwas zu essen, kaufen konnte man nichts. Der Monatswechsel war wertlos, sobald er kam.

Die Freunde zerstreuen sich in alle Welt und sehen sich nie wieder.

 

 

1935

 

 

„Wissen Sie, ich hatte mir ja mehr versprochen.“ Sagt Prof. E eines Tages. Er hatte sich mehr versprochen von seiner Mitgliedschaft in der NSDAP! E. ist jetzt fast freundschaftlich. Kein Wunder, er lebt von Karls Arbeit. Der lässt sich seine Abneigung nicht anmerken.

 

„Man soll nichts versprechen, nicht mal sich selbst! Kürzlich hat uns der F. in einer Radioansprache Frieden versprochen. Vielleicht erinnern Sie sich? Hält er sich daran?“

„Selbstverständlich! Der F. hält sich immer an seine Versprechen!“

„Ihr Wort in Gottes Ohr!“

„Es gibt keinen Gott!“

„Ja, ich merke es. Das ist der Fehler!“

Karl sollte sich besser auf die Zunge beißen. Sein vorlautes Mundwerk ist einer seiner Charakterfehler. Karl weiß das, Mutter Emilie hat das oft gesagt.

 

 

Ilona, Karls Liebchen vom soeben vergangenen Sommer, hat ihm die Freude an der Wohnung genommen. Wenn er jetzt spät abends nach Hause kommt, sieht er den SS-Knaben im Wohnzimmer stehen.

Die neue, kleine Wohnung in der Kaiserstraße ist SS- und Ilona frei. Sie liegt im vierten Stock eines alten Hauses und war ehemals die Unterkunft der Bedienten – Bediener müsste es eigentlich heißen. Die kleinen Fenster gehen zum Hof nach Süden, so dass es Sonne gibt – wenn sie mal scheint, was ja nicht so häufig ist – und Karl auch zu Hause, was noch seltener ist. Eine Wohnung braucht er aber ja doch, irgendwo will er ruhig schlafen, ohne Frau und ohne Uniformen. Er lässt niemanden mehr herein, nicht mal eine Person aus der Familie.

Seine Bücher hat er teilweise ergänzen können, auch seine Platten, aber Mendelson-Bartholdy oder Blues-Platten von Sunny Boy Williamson und Leadbelly gibt es nirgendwo. Ein wenig „Freud“ bekam er unterm Ladentisch…

 

Über Karls Domizil ist nur noch der alte Speicher und so trampelt ihm auch niemand auf dem Kopf herum.

So ein Speicher erregt seine Neugier. Karl steigt die steile Treppe hinauf und schaut sich um:

Überall dicker Staub auf uralten Möbeln, abgeschlagenen Betten, zerbrochenen Stühlen und Tischen. Die Menschen, die all das besaßen, die in den Betten schliefen und sich liebten, sind lange nicht mehr.

 

Geschlechter sind erglüht wie helle Funken

Haben gelebt, geliebt, gehasst, getrunken;

Sie leerten hier ein Glas und sind verlöscht,

Sind in den Staub der Ewigkeit gesunken.

 

(Omar i- Kajjam, um 1000 vor u. Z.)

 

Die Dachfenster sind fast blind vor Staub und Alter, dennoch ist es hell im Speicher, fast gemütlich, es fehlt nur eine Frau Rheinbacher mit ihrem Wäschekorb, auf dem man sich gemeinsam vergnügen könnte. Doch hier kommt niemand mehr hoch, niemand sucht hier noch etwas. Karl berührt nichts von den alten Sachen. Aber eines der Fensterklappen muss er aus Neugier doch ein wenig öffnen: Man schaut auf die Kaiserstraße, man sieht den Platz und das Denkmal. Hier geboren, weiß er doch nicht, welcher Großherzog dort auf dem bronzenen Gaul reitet. Er wundert sich, dass die Nazis das stehen ließen – vielleicht stellen sie bald einen bronzenen H. hin mit ausgestrecktem Arm und seinem Kläffer Goebbels daneben an der Leine. Das wär´ doch hübsch!

 

„Frau Rheinbacher“

(Josephine Mutzenbacher)

 

 

 

 

 

 

Anfang April erzählt Prof. E. begeistert: „Haben Sie schon gehört? Der F. kommt nach K., an seinem Geburtstag! Es gibt einen großen Empfang im Rathaus. Ich versuche, eine Einladung zu bekommen!“ Er strahlt übers ganze Gesicht.

 

Karl ist sprachlos. ER hier? Man könnte ihm in die Mörderaugen schauen. Man hätte ihn gar vor der Flinte! Welch Vorstellung!

Sie haben IHN zu ihrem Gott gemacht, die Verehrung ist geradezu religiös. Denn Gott selbst ist tot, im Krieg gefallen, mit Giftgas umgebracht, zerrissen und dann liegen gelassen. Ja, er war schon in der Französischen Revolution hingegangen, 200.000 enthauptete Unschuldige, Männer und Frauen.

In der Zeit nach dem großen Krieg suchte die Gesellschaft verzweifelt nach einem Ersatz, etwas, an das sie glauben könnte. ER gab ihnen wieder Glaube und Hoffnung. Den Betrug, die Verführung bemerkten sie nicht.

 

Was wäre, wenn? Abgesehen von der Todesgefahr für den Schützen! – Der große Hasser wäre weg, der Obersatan. Es gab genügend kleinere Satane, massenhaft Mörder, Schläger, Sadisten, Karrieristen, aber den Ton, den Grundton, würden sie nicht heulen können. Nach und nach käme das Land, das ER sich genommen hatte, zum Rechtsstaat zurück, zur unverzichtbaren Gewaltenteilung, vielleicht mit Hilfe der Wehrmacht. ER würde dann zum Märtyrer. „Ewige“ Verehrung. Ein Mausoleum, wo seine präparierte Leiche zu besichtigen wäre, wie Lenin. An einen Nachfolger mit der gleichen kriminellen Energie, wie Stalin in Russland, glaubte Karl nicht.

Vielleicht war es gar keine Ideologie, der Nationalsozialismus, nur ein Auswurf seiner verbrecherischen Persönlichkeit, eine Imitation des russischen Kommunismus, was keiner merken sollte, niedergeschrieben in einem ungenießbaren Buch? Kann ein Einzelner eine Ideologie begründen? Karl bezweifelte das. Der Katholizismus, der Kommunismus, das waren Ideologien, von vielen, von Generationen getragen -  was nichts über ihren Wahrheitsgehalt aussagt. Welche Verbrechen hat der Katholizismus zu verantworten, in Mittel- und Südamerika? Die Verbrechen der Inquisition?. Jetzt die völlig fehlende Kritik jener an den Verbrechen der Nazis! Welche Verbrechen der Kommunismus? 100000 Tote schon unter Lenin! Wie viele hat Stalin bereits begangen und würde er noch begehen? Was für eine irre Welt! - Und es waren Einzelne, die die Verbrechen befahlen!

 

Wenn Einzelne ein ganzes Volk knechten, angrenzende Völker in Angst und Schrecken versetzen können – dann kann ein Einzelner auch korrigierend eingreifen, wenn er den richtigen Moment erfasst.- Dies schien der richtige Moment! Vielleicht der Letztmögliche.

 

Stalin erkrankt an schwerer Grippe und stirbt. -  H`s Fahrer fährt in den Graben und ER bricht sich das Genick. In Russland wäre das wohl nicht das Ende des Gewaltsystems, in Deutschland schon, nicht sofort, aber bald, eben, weil nur ER den Nazismus repräsentiert.

 

„Ist seine Regierung nicht redlich,

Die Redlichen werden zu Schelmen,

Die Guten werden zu Heuchlern.

 

(Tao Te King)

 

Solche Gedanken machten sich selbständig und quälten ihn tagelang.

Niemand hatte es so versucht, alle bisherigen Attentäter hatten eine Bombe gelegt und waren dann weggelaufen. Sie hatten IHN nicht erwischt, aber sie hatte man schnell gefasst.

Karl verstummte vollständig. Er sprach zu niemand.

Der Preis des Tyrannenmörders ist sein eigener Tod. Wer das nicht einkalkuliert, wird keinen Erfolg haben.

Was hatte Karl vom Leben?

Schwere, verantwortungsvolle Arbeit von früh bis spät, keine Frau, keine Kinder – das war für ihn nicht denkbar in dieser Diktatur –  keine Freunde, keinen Gesprächspartner, außer gelegentlich den Vater, keinen Besitz. Warum bin ich nicht schon gegangen, ich Idiot? Sagte er zu sich.

Spät am Abend setzte er sich vor die Photographie seiner Mutter Beate, die mit 20 Jahren hatte gehen müssen, nachdem sie Karl das Leben gegeben hatte.  Er betrachtete sie lange, ihre klaren Augen, ihre Festigkeit  - wortlos.

 

Karl holte sein Gewehr aus dem Versteck. Er zurrte es fest unter dem Rahmen des kleinen, grünen Wagens von Dr. Korn, sein einziger Luxus, und fuhr bei Lauterburg über die französische Grenze, wie er das oft getan hatte, seit er den Wagen besaß; das Passieren der Grenze war noch immer möglich. Und von da in die Vogesen. – 

Für Karl war es Bogenschießen, taoistisches Bogenschießen. Reine Ruhe und Konzentration!

Man übt, bis man fast mit geschlossenen Augen das Ziel trifft.

Als er das erste Mal in einem bewaldeten, einsamen Tal frühmorgens zwei Schüsse auf ein Blättchen Papier an einem Baum in 300 Meter Entfernung abgab, sich sicher, dass das hier niemand hören würde, sah ihm doch jemand zu, ein Jäger.

„Quesque vous faites lá, vous!“ Schrie er.

„Excuséz moi, ich bin kein Wilderer, ich ziele nur auf Papierchen, das Wild interessiert mich nicht, auch könnte ich keines töten. Ich schieße zur Entspannung, und ich liebe das Gewehr, das Zielfernrohr ist phantastisch scharf, wollen Sie mal durchschauen?“

Zugänglicher nahm der Jäger die Flinte und schaute.

„Ja, tatsächlich, es ist sehr scharf, besser als meines, verkaufen Sie es mir?“

„Seinen Bogen gibt der Bogenschütze niemals her, aber ich leihe es Ihnen.“

Seitdem hat Karl einen Freund in den Vogesen, Maurice.

Maurice ist Metzger, Jäger und Waffennarr, er hat eine große Sammlung von Gewehren und Pistolen, darunter ein paar Duellpistolen von 1801, sein besonderer Stolz. Karl darf im Jagdgebiet von Maurice schießen, wann immer er will.

 

 Auge und Hand sind ohne Fehl.

 

1937

 

Es würde eine kurze Operation sein. Ein zartes Fingerkrümmen, ein Knall, Operation beendet!

 

Man würde ihn sofort aufgreifen, mit ziemlicher Sicherheit. Doch – der Überraschungseffekt, ein Entkommen war denkbar und musste bedacht werden. Sie würden alle Grenzen sofort schließen, kein Durchkommen mit dem Wagen oder der Bahn. Lange Wege über grüne Grenzen? Zu gefährlich! Also über den Rhein! Ja, das wäre der kürzeste Weg.

 

 

Ein schöner 20. April, SEIN Geburtstag – und Karls Geburtstag. Seit ER an der Macht ist, hat Karl nie wieder seinen Geburtstag erwähnt oder gar gefeiert.

Da kommen sie, sie biegen in die Kaiserstraße ein, voraus drei Motorradstaffeln, dann sein Mercedes- Kabriolett, riesig, in dem er vorn rechts steht, die Hand zum Gruß erhoben, angewinkelt im Ellbogen, starres Gesicht, keinerlei Lächeln. Im Fonds zwei weitere Uniformierte.

Karl hat ihn im Zielfernrohr, 300 Meter, noch zu weit. Sie fahren Schritt, man kann abwarten, nur nicht zu früh schießen, nur ein Schuss, der muss sitzen, kein zweiter. Trifft der erste nicht, ist es schief gegangen. Karls Gehirn dreht diese Überlegungen wortlos, ununterbrochen.

Dabei eisige innere Kälte, keinerlei Bewegung, kein Zweifel, kein Zittern. Es muss sein! Alle weiteren Verbrechen verhindern!

Jetzt sind sie auf 250, auf 200 Meter heran. Ziel ist sein rechtes Jochbein. Das Gewehr macht eine leichte Aufwärtsbewegung, wenn der Schuss sich löst, es ist ein gutes Mädchen, nur eine leichte Aufwärtsbewegung, sonst nichts. Der Abzug, der Druckpunkt ist ganz leicht.

 

ER dreht den Kopf leicht nach links, genau, so ist´s gut. Ein einziger PLOP, untergehend im infernalischen Geschrei von Tausenden an der Straße: Heil, Heil, Heil – und sein elender Hundename hinterher.

Das Projektil trifft an der rechten Schläfe.

Noch in Seinem Nachhintenstürzen zieht Karl den Lauf aus der Luke.

 

 

 

 

Danach geht alles ganz schnell.

Karl legt die Flinte unter eine Diele, die schwarze Maske dazu. Den Rucksack in die Hand, die Speichertreppe und die Haustreppe auf Gummisohlen hinunter und in den Hof; hier zieht er die dunklen Handschuhe aus. Es mögen ein oder zwei Minuten vergangen sein. Die Hausbewohner sind alle auf der Straße, die Alten liegen mit Kissen in den Fenstern. Durch den Hof , durch den Hofgang des Hinterhauses auf die nächste Straße. Natürlich können sie schon mit ihren Maschinenpistolen hinter ihm her sein. Aber nichts geschieht. Sie müssen völlig überrascht sein. Karl ist ganz ruhig, er rechnet mit dem Tod, jederzeit. Der Preis muss gezahlt werden. Noch alle Tyrannenmörder wurden getötet, die Mörder Caesars, alle.-

 

Hier lehnt sein Fahrrad, er steigt auf und fährt nach Süden, Richtung Schwarzwald, davon. Von Ferne hört er noch das Heils-Geschrei der Leute, die den Anschlag nicht gesehen haben, dann eine Polizeisirene. Auf den Straßen in der südlichen Stadt ist niemand, keine Passanten, kein Polizeiwagen …

Nach 10 Minuten ist er schon aus der Stadt heraus, noch einzelne Häuschen, Schrebergärten, Wiesen, dann der Wald.

Karl fährt zügig, doch nicht auffällig schnell, eine Fahrradtour am sonnigen Sonntag, ganz normal.

Entlang der Ebene rechts des Rheines dehnt sich der große Wald aus, nur unterbrochen von einzelnen Bächen und Kanälen.

Es ist warm, strahlender Sonnenschein, 20. April. Am 20. April ist es hier immer warm!

Karl hat alle Fingerabdrücke auf dem Gewehr, auf dem Handlauf der Treppe, auf den Türgriffen vorher sorgsam mit Spiritus beseitigt, danach immer Handschuhe getragen.

 

ER ist früher gekommen. ER kommt immer früher, wahrscheinlich, um Attentaten zu entgehen. ER geht auch früher, aus demselben Grund. Aber auch, wenn er noch früher gekommen wäre…

 

Karl war um 8 Uhr in der Klinik. Die Schwestern, die Assistenten sind es gewöhnt, dass er auch an Tagen, an denen er keinen Bereitschaftsdienst hat, in der Klinik auftaucht. Er macht eine kurze Visite, besucht das Kinderzimmer, untersucht die frisch an den Mandeln operierten Kinder, um eine Nachblutung rechtzeitig zu bemerken. Der diensthabende Arzt und die Stationsschwester begleiten ihn.- In der Nacht ist ein 9 Monate altes Kind eingewiesen worden, bei dem der Verdacht auf eine schwere Entzündung des Ohres besteht. Karl bestätigt dies.

Das Kind wird umgehend in den Op. gebracht und kurz danach operiert. Der Diensthabende assistiert Karl. Ein solcher Eingriff ist schnell gemacht: Freilegen des Knochens hinter der Ohrmuschel, Eröffnung des Warzenfortsatzes mit kleinem Meißel, Säuberung mit einem kleinen, scharfen Löffel, Jodoformgaze. Die Wunde bleibt offen, keine Naht.

Karl zieht die Handschuhe aus.

„Herrliches Wetter hat der F. bei seinem Besuch hier!“

„Ja, wunderbar, was für ein Glück!“ Es sollte Katzen hageln, ausgestopfte Katzen, mit Sprengstoff gefüllt!

„Gehen Sie auf den Empfang?“

„Das ist nur für Honoratioren, zu denen gehöre ich nicht. Aber der Chef ist da. Ich gehe an die frische Luft, kleiner Ausflug ins Albtal. Auch Unsereiner braucht mal Sonne und Bewegung!“

„Gute Erholung, Herr Oberarzt!“

 

Das war das Alibi. Mehrere Personen hatten Karl gesehen. Aber gegen 9 Uhr 30 ist Karl auf dem Speicher, die Waffe im Anschlag.

 

Nach zwei Stunden erreicht Karl die Gegend, die Münchhausen im Elsaß gegenüber liegt. Er fährt kurz am Rhein entlang, bis er am anderen Ufer die Hütte sieht, die die Erkennungsmarke ist. Im Sonnenschein stehen Angler, einzelne Ausflügler gehen vorüber. Noch einen Kilometer weiter und  wieder in den Wald. An einem geschützten Flecken bei einem kleinen Wasserlauf ruht er sich aus, trinkt, isst Brot und Speck aus dem Rucksack. Dieser ist regendicht, wenn auch nicht wasserdicht. Er enthält den Ausweis von Josef Müller, Krankenpfleger, 9000 Reichsmark und an die 1000 Francs, die er in den vergangenen Jahren zusammen getragen hat, dazu einige wenige Kleidungsstücke, eine originale Baskenmütze, leichte Wanderschuhe, Brot, Speck, Schokolade und eine kleine Flasche Zwetschgenschnaps, alles extra in gummierte Tücher verpackt.

Er bleibt im Wald. Es ist warm. Auf einem geschützten Fleckchen ruht er sich aus.

Auf ein Blatt Papier schreibt er: Liebe Eltern, die ungeheuere Arbeitslast, die Pressionen durch meinen Chef, die fehlende Erholung, die Aussichtslosigkeit meines Lebens, allein,

haben mich veranlasst, ein Ende zu machen. Ich danke Euch für all das, was Ihr für mich in 37 Jahren getan habt. Ich wünsche Euch alles Gute. Verzeiht mir! Karl.

Er faltet das Papier und steckt es in die Brusttasche; man wird es finden.

Es soll die Eltern schützen!

Gegen fünf Uhr wird es kalt. Er kauert sich zusammen, bewegt sich aber nicht. Er darf nicht zu früh zum Ufer gehen. Auf beiden Seiten des Flusses sind Bunker im Bau, wenn auch noch nicht besetzt. Patrouillen gibt es dennoch. Man bereitet sich auf den nächsten Waffengang vor.

Gegen Mitternacht begibt er sich zum Waldrand. Es ist niemand zu sehen. Der Mond ist herausgekommen, über dem Fluss steigen weiße Nebel auf.

Er entkleidet sich schnell und gleitet ins Wasser, den Rucksack hoch oben auf den Schultern, mit frischem Birkenlaub besteckt. Die Kleider, Ausweis, Börse mit wenig Kleingeld, bleiben am Ufer.  Mit schnellen Schwimmzügen der Strömung nach erreicht er die Mitte des Flusses. Jetzt eine Gewehrsalve, das wäre doch ein romantischer Tod!

Minutenlang ist er versucht, sich einfach sinken zu lassen…

 

Er erschrickt, etwas stößt ihn von hinten an. Es ist ein totes Reh, am Bauch grotesk aufgebläht. Karl hält es mit der linken Hand an einem Bein und benutzt es als Tarnung, denn auch von der französischen Seite droht Gefahr.

Nach 20 Minuten im eisigen Wasser erreicht er das Ufer, halb erstarrt.

Im Sommer in der Jugend war er mit den Schulkameraden oft am Rhein; sie schwammen zur anderen Seite, gingen dann weit rheinaufwärts, weil sie von der Strömung abgetrieben worden waren, um zurück zu schwimmen zu dem Platz, an dem die anderen Jungen lagen.

 

Vorsichtig gleitet er die Böschung hoch und verschwindet im Wald. Er reibt sich mit trockenen Blättern ab, bis die Haut warm wird und kleidet sich dann schnell an.

Er umgeht Münchhausen weit im Süden.

 

Münchhausen, ein winziges Dorf an der Lauter, bevor sie sich in den Rhein ergießt, mit Altrhein und Auen. An seinen spärlichen, freien Tagen war Karl oft hier, hier war es so wunderschön, kein Geschrei, keine Hakenkreuzfahnen, nur eine einsame Trikolore an der Mairie, kein Misstrauen, kein Hass, wie erholsam! So kann die Welt auch sein!

Die Landschaft zeichnen mit Feder und Kohle, die alten, ins Wasser hängenden Weiden, die Wehre, die Kähne und Ruderboote, die sich im Wasser spiegeln. Schwimmen auch im klaren Wasser, Schwätzen mit Anglern, die die gleiche Sprache sprechen, den gleichen Dialekt, Feindschaft nirgendwo! Mittags essen im Dorfgasthaus, frittierte Sardellen, fruits de mer, Aal gebraten mit Kräutern, Baguette, Rotwein. Die Chefin, dralle Brust, stellt wortlos bei jedem eine Flasche hin, man bezahlt, was man getrunken hat, alle reden und lachen miteinander, man kennt sich; wie köstlich! Und doch nur normal, wie es sein sollte, Leben, einfaches, friedliches Leben.

 

Am Rand des großen Hagenauer Waldes wandert er während der Nacht nach Westen in Richtung der Berge.

Noch vor sieben Uhr erreicht er die kleine Bahnstation in Soultz. Der Frühzug bringt die Arbeiter und Angestellten in die Stadt. Karl löst eine Fahrkarte nach Reims. Am Nachmittag, nach Stunden in Bummelzügen und häufigem Umsteigen erreicht er Reims, von weitem an der alles überragenden, gotischen Kathedrale zu erkennen. Mit dem Strom der Reisenden steigt er schnell aus und geht sofort einen Stock tiefer in die Bahnhofsmission.

Hier auf dem Bahnhof können sie stehen, die Gestapo-Leute. Überall in Frankreich muss er jetzt damit rechnen, auf allen Plätzen, an allen markanten Punkten.

Ob sie bereits wissen, wer der Attentäter war? Möglich ist das. Leicht hat es ihnen Karl jedoch nicht gemacht. Woher kann der eine, einzige Schuss? Welchen Winkel zum Kopf hatte er? Von welchem Hausdach? Sie werden alles daransetzen, dies herauszufinden. Doch sie müssten auch das Gewehr entdecken unter dem Bodenbrett. Keine Fingerabdrücke, nirgendwo! Vielleicht waren sie, die Epigonen, auch gar nicht daran interessiert?

 

Die Bahnhofsmission in Reims ist ein dunkler Verschlag, darin ein altes Weiblein. Sie trägt eine Rotkreuz-Brosche an ihren dunklen Kleidern…

„Bonjour, Madame, excuséz moi, j´ai mal au coeur!”`

Sie weist ihm einen Hocker an im Hintergrund der Stube, über die in unregelmäßigen Abständen Züge donnern.

„Eine Tasse Tee?“

Karl trinkt Tee, dankbar und langsam, zusammengesunken auf dem Hocker, mit dem Rücken zur Tür.

„Können Sie mir sagen, wann der nächste Zug nach Paris fährt?“ Die Alte hat einen Fahrplan; der Zug geht in einer Stunde. Karl rennt zum Bahnsteig in letzter Minute, unbehelligt.

Er setzt sich in ein Abteil ans Fenster und ruht, die Baskenmütze überm Gesicht. Schlafen kann er nicht. Er will rechtzeitig aussteigen: der Gare del Est ist ein gefährlicher Ort!

Vor Paris, die Vororte sind bereits in Sicht, wird der Zug einen Moment langsam. Karl, der auf dem Gang steht, öffnet die Tür und springt ab. Bahndämme, damit ist er vertraut!

Eine weitere Etappe auf dem Weg in Sicherheit ist geschafft, ihm wird leichter zumute, ein Lächeln überzieht sein Gesicht.

Der Himmel ist blau, pariserblau, mit kleinen, schnell dahin segelnden Wölkchen. Die ersten Schwalben fliegen hoch oben am Himmel.

Sein Weg in die Stadt führt ihn in der warmen Abendsonne an Gärten und kleinen Vororthäuschen vorbei. Er erreicht eine Straße, von gestutzten Platanen gesäumt in einem unbekannten Ort. Die Häuser stehen einzeln, jedes mit einem kleinen Garten hinter Zäunen und Mauern aus großen, runden Steinen. Alle haben rote oder grüne Fensterläden und sind sich ähnlich, behaglich, sauber, bürgerlich.

Bald findet Karl ein Gasthaus. Eine Bar? Ein Restaurant, ein Bistro? Wie soll man es nennen?

Karl steigt die Stufen hinauf und tritt ein, die Tür ist offen.

Zwei junge Männer spielen Billard am grünen Tisch, einige stehen an der Theke mit einem Pastis, einem Rouge, rauchen, lachen, gestikulieren, ganz anders als jetzt in Deutschland. Karl ist glücklich: Freiheit, Leben, Lachen!

 

Ich dehnte unterm Tische mit Behagen

Die Füße aus, sah mir die Wände an

Mit ihrer simplen Malerei, oh, nicht zu sagen,

Als mir die Magd mit ihrem hohen Busen dann,

 

Mit ihrem frohen Blick, mit ihrem Mund, der lachte,

- die hat vor einem Kuss nicht Angst – auf buntem Teller

Butterbrot und warmen Schinken brachte,

 

So rosaweiß, von Knoblauchduft durchwürzt,

Und dann den Bierschaum, den ein heller

Spätsonnenstrahl umsäumt, ins hohe Glas gestürzt.

 

(Artur Rimbaud)

 

Wie schön muss es erst auf Französisch sein!

Der arme Rimbaud, vielfach begabt, wurde Waffenhändler im Orient!

 

Karl genießt Brot, Schinken und kühles Bier. Bei Einbruch der Dunkelheit lässt er sich ein Taxi rufen. „St. Sulpice, svp.“

 

Er betritt das Viertel „durch die Seitentür“, er ist vorzeitig aus dem Taxi ausgestiegen, um den Platz vor der Kirche zu vermeiden. Gemächlich geht er winklige Sträßchen entlang, es ist schon fast dunkel, die Straßen nur stellenweise von Laternen erleuchtet. Ein Geruch von feuchten Fundamenten und Hinterhöfen liegt in der Luft. Karl braucht ein gutes Mahl, eine halbe Flasche Rotwein und ein Bett in einem billigen Hotel.

Fast heiter, im Gefühl der neuen Freiheit, bleibt er stehen, betrachtet die kleinen Läden mit Gemüse, mit Seifen, Eimern und Waschpulver. Ein Mann geht vorbei, in jeder Hand eine Flasche Rotwein, eine Stange Brot unter die Achsel geklemmt. Niemand beachtet Karl.

Da und dort steht eine Prostituierte und schwenkt die Hüften. Er geht unbeirrt weiter, heiter und lächelnd. Dies hier sollte sein neues Quartier werden, ein Quartier der kleinen Handwerker, Angestellten, Putzfrauen und Witwen, kurz, von armen Leuten: nicht besonders einladend, aber vielleicht leidlich sicher für die erste Zeit.

 

An einer Stelle springt ein Haus vor, die Gasse macht eine Biegung. Unter einer Laterne steht eine junge Frau, eine gut gekleidete, junge Frau. Sie trägt ein helles Kostüm, das bis Mitte der Waden reicht, um den Hals  einen violetter Seidenschal, auf dem Kopf ein ulkiges Hütchen mit einem bunten Vögelchen, wie ein Nest. Karl hatte nie so etwas gesehen. Die Frau nimmt den Hut ab, dreht ihn in der Hand – und setzt ihn wieder auf. Beide lachen. Da fasst sich Karl ein Herz und geht über die Gasse auf sie zu.

„Bonsoir, Mademoiselle, darf ich Sie zum Abendessen einladen?“

„Oh – bonsoir, Monsieur – eh -  pourquoi pas?“

“Kennen Sie ein kleines Restaurant hier im Viertel?”

„Oui, Chez Yvette´, ich esse oft dort, Yvette ist meine Freundin. Das Essen ist gut – und nicht so teuer. Kommen Sie!“

Karl reicht ihr den Arm und sie hängt sich ein, sanft wie eine Feder, ein hergewehtes Blatt.

 

„Moi, c´est Nadine.“

„Et moi, c´est Charles!“

Einen Rest der alten Identität wollte er doch behalten. – Sie führt ihn sanft den Weg durch die Gassen.

„Woher haben Sie das lustige Hütchen, Mademoiselle?“

„Das habe ich selbst gemacht!“

„Wie schön, wie phantasievoll, ich kann mir gar nicht denken, wie man das macht!“

„Ich habe das gelernt.“

„Zeigen Sie´s mir? Vielleicht mache ich später Hüte.“

„Die Leute kaufen die Hüte jetzt im Kaufhaus, falls sie überhaupt welche tragen.“

„Das ist also keine Geschäftsidee?“

„Nein, leider nicht, Monsieur Charles!“

 

Es ist eines jener kleinen Bistrots in Paris, die nur zwei Reihen Tischchen haben, mit karierten Tischdecken und ebensolchen Servietten. Es gibt nur wenige Gerichte, aber diese sind vorzüglich. Die Patronne bedient, eine Köchin ist mit zwei Hilfen in der Küche. Die Gäste kennen Yvette und Yvette begrüßt alle mit Küsschen rechts und Küsschen links.

Nadine wird besonders herzlich begrüßt, drei Küsschen, Karl mit Handschlag: „Bonsoir, Monsieur, bienvenue!“ Niemand stellt Fragen.

Sie setzen sich gegenüber an den kleinen Tisch und sehen sich an, freundlich, fast freundschaftlich.

Nadine hat einen sehr hellen, fast weißen Teint und runde, graugrüne Augen. Senden Augen Licht? Ihre Augen, empfindet Karl, senden Licht, warmes Licht, ein Licht, das ruhig macht, Zeit gibt, Zeit hat. Ihre Hände, die gelassen auf dem Tisch liegen, sind wie chinesisches Porzellan, weiß mit blauen Adern.

„Vous êtes en vacances, M. Charles?“

„Oui, des grandes vacances, j´ai travaillé beaucoup!“ Die Franzosen hören sofort, dass man aus Deutschland kommt, sie brauchen nicht zu fragen, Nadine fragt nicht.

An diesem Abend gibt es Rinderbraten vom Spieß mit pommes dauphines.

„J´ai faim, moi“ sagt Karl.

„Moi aussi“ Aber Nadine isst sehr langsam, wie ein Kind, das nicht auffallen will. Wie alt mag sie sein? 20, 22? Sie sieht so jung aus,  mit ihrer Stupsnase, ihren runden Lippen, kein Rouge, kein Make-up. Wurde sie nicht abgeholt von ihrem Liebhaber heute Abend – oder ist sie doch auch ein käufliches Mädchen? Karl ist das völlig egal. Er hat die angenehmste Gesellschaft, ein freundliches, hübsches Mädchen. Also hat er doch etwas gewonnen nach dem Verlust aller Dinge: Familie, Heimat, Beruf und Verdienst, Identität und Muttersprache, alles!

Karl bestellt eine Flasche teuren Burgunder, die neue Freiheit soll gefeiert werden. Wenn man alles verloren hat, so ist man auch der alten Sorgen ledig!

„Santé, Mademoiselle Nadine!“

„A la votre, Monsieur Charles!“

Beim Café fragt Karl: “Darf ich mich neben Sie setzen, Nadine? Man kann sich so besser unterhalten, besser und leiser.“ Es ist laut geworden in dem kleinen Lokal.

„Ich brauche ein kleines Hotel, kennen Sie eines in der Nähe?“

„Ja, ich kenne alles hier, ich bin hier geboren, aber ein paar Jahre war ich in einem Waisenhaus, nicht weit von hier. Mein Vater fiel im Krieg, meine Mutter starb an der europäischen Grippe 1919… Es war eine schwere Zeit!“

„Oh, ja, das war eine schwere Zeit, auch für mich, der verfluchte Krieg!“

„Oui, la politique! Sie sind verrückt, die, die die Macht haben, die Politiker – oder, wie soll man sie nennen?“

„In meinem Land sind sie besonders verrückt jetzt, erschreckend verrückt – und niemand bringt sie zur Raison!“

„Jetzt rüsten sie wieder auf allen Seiten, als wenn es nichts Besseres gäbe, nichts Sinnvolleres!“

Nadine ist eine nachdenkliche Frau, wie angenehm – kein Dummchen.

„Darüber müssen wir noch viel reden, es ist so wichtig, für uns alle. Unsere Zukunft steht auf dem Spiel. Schon einmal hat man uns kleinen Leuten alles genommen – Millionen das Leben, und wofür?“

Nadine legt ihre Hand  auf die seine.

„Mademoiselle Nadine, ich danke Ihnen sehr für das unerwartete, wunderschöne Willkommen in Paris. Ich würde mir wünschen, noch viele Abende mit Ihnen zu verbringen und mich mit Ihnen zu unterhalten – ich werde Sie jedes Mal einladen.“

„Geht das denn?“

„Ja, die Reserven reichen ein Weilchen.“

 

Nadine zeigt ihm eine bescheidene Pension und sie verabreden sich für den nächsten Abend.

Karl geht sofort zu Bett, entspannt und glücklich, wie schon sehr lange nicht mehr.

 

 

Karl muss sich in einen Franzosen verwandeln. Er streift durch das Quartier nach einem kurzen Frühstück in einem Café, auf der Suche nach Kleidern. Schließlich findet er ein Pfandleihhaus im Hinterhof, der allerdings keinen einladenden Eindruck macht.

Er tritt durch die quietschende Tür ein – und sieht einen sehr ordentlichen Laden mit einer polierten Theke, hinter der ein kleiner Mann steht mit einer weißen Kippa auf dem Kopf..

„Bonjour, Monsieur, womit kann ich Ihnen dienen?“

„Ich brauche ein oder zwei Anzüge, Hemden, Schuhe…“

Das Männlein nickt. „Oui, Monsieur, ich habe alles, Anzüge, Jacken, Hosen, Hemden, Krawatten, Uhren, was Sie wollen!“

Karl legt Baskenmütze und die Jacke auf den Tresen unter den flinken Äuglein des Besitzers.

Dieser hat eine hohe Stimme und liebt es, zwischendurch immer mal kurz zu kichern.

„Sie entschuldigen mich.“ Sagt er und beginnt, Karl das Maß zu nehmen. Dabei spricht er die Zahlen in jiddisch.

„Sprechen Sie deutsch?“

„Nu ja, reden Sie, ich verstehe!“ Damit verschwindet er zwischen langen Reihen von Kleidern auf blitzenden Stangen.

„Is Frühjahr.“ Er bringt einen hellbraunen und einen leichten, grauen Anzug: „Probieren Sie!“

„Lieber den grauen, von braun hatte ich jetzt genug!“ Sie sprechen wieder französisch.

„Entschuldigen Sie, natürlich nicht braun, wie dumm von mir! - Wenn etwas nicht passt, machen wir das in einem Tag!“

Am Ende hat Karl eine komplette Garderobe, getragen, aber gut. Und zwei Paar Schuhe, alles zu günstigen Preisen.

„Sie brauchen eine Uhr!“ Und schon legt er schwarze Kistchen mit Uhren auf den Tisch.

Als Karl eine Uhr ans Handgelenk hält, sagt der kleine Mann auf deutsch:

„Sie müssen vorsichtig sein, Monsieur, sie sind überall in Paris.“

„Was meinen Sie?“

„Nu, die Gestapo, die hat das doch gemacht!“

Karl hat auf den Handrücken je eine runde Narbe von den Zigaretten.

„Das haben die gemacht, damit sie Sie gleich erkennen, eine Erkennungsmarke!“

„Daran hatte ich gar nicht gedacht, Sie haben ja recht – wie naiv ich bin! Was könnte man tun – und woher wissen Sie das alles?“

„Monsieur, ich bin ein alter Hase. In den letzten Jahren waren viele von drüben hier, viele jüdische Auswanderer, aber auch Christen, politische Häftlinge, Journalisten, Schriftsteller, Maler. Viele brauchten Geld, um weiterzukommen nach USA, Cuba, Haiti, Südamerika…

Ich red´ mit ihnen.“

„Sehr interessant. Das trifft auch auf mich zu. Sie helfen mir sehr! Was könnte man gegen die Narben tun, immer Handschuhe?“

„Das wäre noch auffälliger. – Die Gestapo ist jetzt überall in Frankreich, stehen auf Plätzen, sitzen in Cafés. – Abdecken mit Make up oder operieren lassen, ich geb´ Ihnen eine Adresse.“

 

„Monsieur, vielen Dank für das alles, und haben Sie noch mehr Ratschläge?“

„Ja, nehmen Sie ein Fahrrad, wir haben auch gebrauchte Fahrräder, da fahren Sie an diesen Leuten einfach vorbei, mit Pariser Kleidung, Schnurrbart, Zigarette, ein béret basque haben Sie ja schon. Setzen Sie sich nicht in Cafés, besuchen Sie keine Museen!“

„Das mache ich! Tauschen Sie auch Reichsmark in Francs?“

„Selbstverständlich, und zu günstigen Kursen. Kommen Sie, setzen wir uns hinten an den Tisch und trinken einen Café…“

Der tüchtige Mann weiß, dass Karl noch mehr brauchen wird, Hosen, Jacken, einen Regenmantel, bald Herbst- und Winterkleidung.

„Sie haben alles, können Sie auch alles besorgen?“

„Ja, gewiss, was Sie wollen. Alle Währungen, Führerschein, Papiere, alles.“

„Einen französischen Pass zum Beispiel?“

„Ich will fragen, kommen Sie in ein paar Tagen wieder und bringen Sie ein Passphoto mit.“

Einige Tage danach kauft Karl ein französisches Herrenrad, viel leichter als ein deutsches. Er gibt ein Passphoto ab und erhält nach zwei Wochen einen perfekten Pass: Charles Muller, geboren in Strasbourg am 2. 10. 1900, ausgestellt 1927. Was für ein  Mann, der Pfandleiher!

 

 

An einem der folgenden Abende `Chez Yvette` sagt Nadine:

„Ich bin Ihnen so dankbar, Charles, einfach, weil Sie da sind und mit mir sprechen – und ich schäme mich so, Ihnen gegenüber.“

„Aber, ich bitte Sie, ich bin das doch, der dankbar ist, dankbar, dass Sie mich so großzügig und freundlich aufgenommen haben hier in Paris, ein wahres Glück – und schämen müssen Sie sich gar nicht!“

„Doch, ich möchte es Ihnen erklären.“ Nadine spricht noch leiser, sie drückt seinen Arm.

„Vom 14. bis zum 17. Lebensjahr bin ich in die Lehre gegangen bei einer Modistin – ich habe viel von ihr gelernt. Ich arbeitete von 8 Uhr morgens bis 10 Uhr abends für eine ungeheizte Dachkammer und ein wenig Essen. Ich konnte froh sein, dass ich überhaupt eine Lehrstelle hatte. Aber als ich ausgelernt hatte, brauchte man Modistinnen nicht mehr. Die reichen Frauen, die sich schöne, große Hüte machen ließen, gab es nicht mehr, die jungen Frauen trugen solche Kappen aus dem Kaufhaus, wenn sie überhaupt etwas auf dem Kopf hatten – die Mode war vorbei. Eine Weile habe ich noch bei einer sehr alten Schneiderin gearbeitet, Kleider ändern, Kragen wenden, solche Sachen. Sie ließ mich in ihrer Wohnung schlafen, bald erlitt sie einen Schlaganfall und starb. Ich stand vor dem Nichts!“

„Wie ich jetzt.“

„Ja, Charles, ich habe es schon bemerkt. Aber Sie sind besser ausgebildet und begabter. Sie werden Ihr Plätzchen finden! – Familie hatte ich nicht, was sollte ich tun? Das Waisenhaus, der Hunger, die Kälte haben mich nicht vollständig gebrochen, haben mir auch meinen Glauben nicht völlig genommen. Ich war fest entschlossen zu leben. Also begann ich mit dieser Tätigkeit, die ich noch immer mache – nicht aus Neigung, sondern aus Not.

Nadine sieht Karl schüchtern an.

„Mademoiselle Nadine, an Ihrer Stelle hätte ich genauso gehandelt. Bestehen oder untergehen! Sie brauchen sich nicht zu schämen, im Gegenteil, ich bewundere Ihre Konsequenz und Ihren Überlebenswillen!“

Wieder drückt sie seinen Arm.

„Das haben Sie schön gesagt, aber ich schäme mich doch!“

„Das sollen Sie nicht.- Und ich, was habe ich getan? Von 1934 bis jetzt habe ich für einen schlimmen Nazi gearbeitet, aus den gleichen Gründen, wie Sie: zum Überleben. Tag und Nacht im Op. als Pfleger, statt einfach abzuhauen.“

„Ich muss Ihnen noch etwas sagen, Charles.“ Nun noch leiser: „Ich habe mich von Anfang an immer geschützt, so war ich nie krank oder gar schwanger.“

Nadine richtet sich auf, die Augen kühl und stolz.

„Können Sie mich jetzt noch ansehen, können Sie mich noch leiden?“

„Aber ja, je vous adore!“

Ganz leise: „Ich nehme nur ältere Männer mit ins Hotel, es sind alles Stammkunden, Familienväter, sie kommen regelmäßig und zahlen ebenso. So kann ich mir meine kleine Wohnung im 6. Stock leisten, die hat außer Yvette noch niemand betreten, und ein bisschen Kleidung. Das meiste nähe ich selbst. Dieses Kostüm hier habe ich auch ganz alleine gemacht.“

„Es ist sehr schön und steht Ihnen gut, ich bewundere Ihr Geschick!“

„Und morgens helfe ich einer alten Dame, ich kaufe für sie ein, bereite das Frühstück und das Mittagessen und halte die Wohnung in Ordnung. Putzen muss ich nicht, sie hat eine Putzfrau.

Da fällt mir etwas ein: Sie sind doch Krankenpfleger, könnten Sie ihr nicht helfen, beim Baden zum Beispiel? Sie ist stark gehbehindert, sie kommt schlecht in die Wanne und kaum wieder heraus. Es wird immer schlimmer.“

 

Karl wohnt jetzt bei Madame d´Ormont. Nadine hat ihn am nächsten Morgen vorgestellt. Er bewohnt ein Schlafzimmer in der großen Wohnung und das ehemalige Herrenzimmer ihres verstorbenen Mannes. Hier schreibt er, hierher zieht er sich zurück, zeichnet und malt. Auch Tyrannenmörder können etwas Glück haben, sie werden nicht immer sofort bestraft.          Karl ist sicher, dass seine Tat notwendig und richtig war.

Madame d´Ormont hat ein komfortables Radio, man kann Radio London und Zürich empfangen, oft gestört und unterbrochen, aber höchst aufschlussreich. In Deutschland steht das Hören ausländischer Sender unter schwerer Strafe, jeder kann deswegen angezeigt werden, Eltern von ihren eigenen Kindern, von Freunden, von Nachbarn. Was für ein Land, welche Qual, welche Unfreiheit. Hoffentlich endet das bald!

Doch jetzt sind die Nachrichten noch beängstigend. Himmler, der Gestapochef und Obermörder, führt das Kommando und mordet rings um sich her.

 

 

Madame d´Ormont ist eine stattliche, alte Dame von fast 80 Jahren mit hoch aufgetürmtem, weißem Haar. Wegen eines schweren Hüftschadens kann sie nur mit zwei unter die Arme geklemmten Krücken gehen – und auch das nur mit Schmerzen. Nur in ihrem riesigen Lehnstuhl ist ihr wohl, hier residiert und repräsentiert sie, von hier aus verwaltet sie ihre Werkstätten im Hof: die „Goldberg  Optic Compagnie“, die ihr Mann in Wien gegründet hatte, aber bald nach dem Krieg nach Paris verlegte.

Madame verfügt über eine große Bibliothek und es scheint, als habe sie all die vielen Bücher gelesen. Es gibt keinen Autor von Rang, auf dessen Werke man sie nicht ansprechen könnte, die französische, die deutsche und die russische Literatur und die amerikanische und englische dazu: den gesamten Shakespeare in englisch, Cervantes auf spanisch und so fort.

 

Die Bücher und die Kommentare von Madame sind für Karl nach dem puren Überleben eine zweite, eine geistige Lebensrettung. An einem Arzt, der von früh bis spät, jahraus, jahrein in einer Klinik arbeitet, geht viel vorbei: Theater und Konzert, Bücher und Bildung, Freundschaft und Geselligkeit, an vielen gehen die Ehe und die Kinder unbemerkt vorbei…

 

Morgens kurz nach acht Uhr kommt Nadine. Sie begrüßt Karl mit einem richtigen Küsschen, sie sind gute Freunde, fast wie Geschwister. Nadine erinnert ihn so sehr an seine Schwester, die Frühverstorbene. – Ein Liebenpaar sind sie nicht.

„Kitzelt Sie mein Schnurrbart nicht?“ „Doch, ein wenig, aber so werden Sie bald aussehen, wie ein Franzose.

Nadine bringt frisches, duftendes Baguette. Sie bereitet das Frühstück vor, das, so wünscht es Madame d´Ormont, ausführlich zelebriert werden soll, wie zur Jahrhundertwende, wie auf Bildern Monets: mit Champagner und Früchten, Kaffee, Eiern und süßem Gebäck. Madame besitzt eine kleine Landschaft von Monet, es stellt einen Waldrand dar, fast ganz in grün und doch so leuchtend. Madame bewundert Monet.

Nach dem Frühmahl, muss man fast sagen, nimmt sie ihr Schaumbad. Karl hilft beim Ein- und Aussteigen – und hilft auch sonst den ganzen Tag. Madame trinkt weiter Champagner und erzählt, von Wien, wo sie aufwuchs, heiratete, zwei Kinder gebar, von der Firma – und von der Musik: Beethoven ist ihr Liebling, von Mozart, den sie als romantischen Träumer sieht und von Wagner, den sie hasst. Dann eine Anekdote von Eichendorff und eine andere von Casanova, der einst in Wien versuchte, seine gesammelten Schriften auf der Straße zu verkaufen.

Von ihrem verstorbenen Gatten hat Madame eine große Sammlung von europäischer Kunst in mehreren dicken Mappen, alte Stiche und Radierungen, darunter eine Aquatinta von Goya, Handzeichnungen von Moreau, Marquet, Leger, Menzel, Pisarro und natürlich etwas von ihrem Favoriten Monet, von Toulouse-Lautrec, von Valadon, Skizzen von Liebermann, von Larionow und Marie Laurencin, um nur einige zu nennen, ein wahrer Genuss für den kleinen Maler Karl.

 

Endlich, nach vier Wochen des Vertuschens lassen sie H. sterben. Der erwartete Aufschrei der Bevölkerung bleibt aus. Es wird ein pompöses Staatsbegräbnis in Berlin zelebriert, Vorbeimarsch von Tausenden von Soldaten, zu allererst die SS-Einheiten zu Pferde, dazu Panzer, Kanonen auf Lafetten. Aber die Leute scheinen fast unbeteiligt, gar lethargisch, wenn man den ausländischen Sendern glauben darf. – Zwei Wochen Staatstrauer!

Himmler ist jetzt „Reichsführer“. Von den Generälen der Wehrmacht kein Wort, viele sollen erschossen worden sein, ohne Verfahren; sie müssen jetzt ihr Gelübde auf Himmler ablegen.

Das Regime zeigt wieder seine ganze, kriminelle Energie.- Man nimmt im Ausland an, dass auch Goebbels umgebracht wurde, nicht schade drum!

 

 

 

Anfang Juli 37 lädt Karl seine Freundin Nadine zu einer kleinen Reise ein.

„Mademoiselle, was halten Sie von einer kleinen Urlaubsreise, eine Woche faulenzen an der See? Ich würde so gerne einmal das Meer sehen, ich war noch nie dort – von Paris aus ist es nicht sehr weit! Wir könnten ein kleines Hotel nehmen und – Ferien, einfach Ferien! Hatten Sie mal Ferien?“

„Ferien hatte ich noch nie, und an der See war ich auch nicht, ich kann mir das gar nicht vorstellen!“

 

Karl mietet einen Wagen, sie fahren nach Trouville in der Normandie, Madame d´Ormont hat diesen Ort empfohlen.

Nadine ist wie ausgewechselt, die Sprödigkeit ist dahin, weich lehnt sie sich während der Fahrt an Karls Schulter. Nach einer Stunde des Kurvens entlang der Seine schläft sie an seinem Arm ein, süß wie ein kleines Mädchen.

Sie besuchen Giverny, den Wohnsitz von Monet. Sie halten vor dem geschlossenen Tor eine Art Andacht für den großen Meister der französischen Malerei.

Am Nachmittag liegen sie schon im warmen Sand, es ist Ebbe, bis zum Horizont scheint sich der Strand auszudehnen, bis schnell die sickernde Flut hereinkommt, die Fischerboote sich im schmalen Hafen vom Sand erheben, um Gegen Abend zum Fang auszufahren. Sie haben noch ihre Masten, doch keine Segel. Alles riecht nach Meer, nach Krabben, Muscheln und Austern, nur den Champagner muss man noch dazustellen…

Ferien, nach Jahren der Mühe und Qual für beide.

Am Spätnachmittag erst ruhen sie sich aus.- Nadine ist so schüchtern und verschämt, wie eine Jungfrau.

„Tu sais, Charles, c´est l´amour, mais je ne connais pas l´amour!”

Doch sie genießt es sehr, geliebt zu werden, geliebt zu sein.

Jetzt sind sie doch ein Liebespaar. Immerzu halten sie sich aneinander fest.

 

Man muss weit aufwärts der Seine fahren, um sie zu überqueren zur Steilküste der Normandie bei Étretat. Karl zeichnet das Felsentor im Meer, das Monet gemalt hat.

Dann schwimmen sie. Den Strand mit den riesigen Kieseln aus Muschelkalk gilt es erst barfuss zu überwinden - und gleich tiefes Wasser mit einer hohen Uferwelle, herrlich, abenteuerlich. Nadine jauchzt vor Freude.

Karl liest keine Zeitung, hört keine Nachrichten; sie sind weit weg von all dem Hässlichen ihrer Zeit.

 

 

 

Im Radio hält Himmler im Oktober eine Rede in SEINEM Stil: brüllend, hoch aggressiv mit heftigsten Drohungen gegen Frankreich, gegen die Regierung in Österreich, gegen die Tschechei. Karl kann Teile der Rede bei Radio Zürich hören. Es ist eine Imitation, die Stimme zu hoch, nur die Bosheit scheint noch größer.

 

Im Laufe des Herbstes und Winters nehmen die Pressionen gegen die Juden zu. Viele werden von Schlägern aus ihren Wohnungen getrieben und beraubt, nicht wenige erschlagen.

Der Schweizer Rundfunk berichtet von willkürlichen Erschießungen durch die SS., von Morden in den Lagern, den Erzählungen von einzelnen Entkommenen folgend. Von Goebbels und Göring ist nichts mehr zu hören, aber täglich von Himmler, immerzu Himmler!

Am Weihnachtsabend 1937 wird er von einem Wehrmachtsoffizier aus nächster Nähe getötet.

 

Endlich haben sie´s  kapiert: nur so geht es! Bis dahin sind von der SS Hunderte von Morden geschehen.

 

Die Wehrmachtsführung übernimmt die Regierungsgewalt. Sie beruft fünf Zivilisten, ehemalige, von den Nazis entlassene Bürgermeister und hohe Verwaltungsbeamte hinzu.

 

Der britische Rundfunk berichtet von Straßenkämpfen in Berlin, im Ruhrgebiet und in Bayern zwischen SS-Einheiten und Wehrmacht. All diese Nachrichten muss Karl mühsam aus Bruchstücken von ausländischen, jetzt auch deutschen Radiomeldungen gewinnen.-

Die SS wird entwaffnet und in die regulären Truppen integriert. Einzelne wie Heydrich, Himmlers Nachfolger, werden der zivilen Gerichtsbarkeit übergeben und sollen wegen Morden angeklagt werden.

Im Februar 38 werden die Lager geöffnet, alle politischen Gefangenen, soweit sie noch am Leben sind und nicht den  Morden der SS anheim gefallen, werden entlassen. Sie sollen rehabilitiert werden.

Eine zivile Kommission, die eine neue Verfassung erarbeiten soll, wird eingesetzt.

Karl jubelt: Herr, ich danke Dir!

Die NSDAP und die Kommunistische Partei werden gleichermaßen verboten, die Parteibücher sollen unverzüglich bei der nächsten Polizeidienststelle abgegeben werden. Hohe Parteifunktionäre werden verhaftet.

Die provisorische Regierung zeigt Mut und Selbstvertrauen.

Die Zensur und die Gestapo werden abgeschafft, Zeitungen wieder zugelassen.

 

Die Züricher Zeitung berichtet, dass ihre Journalisten wieder ungehindert ins Reichsgebiet einreisen können. Sie schreiben, dass die Menschen in Deutschland wieder lachen können, sich freuen, die Gewalt und das Chaos los zu sein.

 

 

Ein neunstöckiger Turm

Erhebt sich aus einem Häuflein Erde.

 

(Tao Te King, LXIV)

 

 

 

 

1973

 

Ich übernahm den Bericht von `Charles Muller`, ohne irgendetwas zu verändern oder zu korrigieren. Die Geschichte schien mir so authentisch, dass ich auch nur wenig zu meinem eigenen Verständnis recherchieren musste.

Ich rief Madame Bertrand an und wir trafen uns im gleichen Lokal zum Abendessen.

„Madame, ich habe Ihnen eine Abschrift mitgebracht, alles so belassen, wie im Original. Soll ich es Ihnen nicht doch mal übersetzen?“

„Nein, ich glaube nicht. Ich weiß nicht, ob ich noch die Kraft habe, das zu lesen, ich meine, ich sollte bei meiner eigenen Erinnerung bleiben. Wissen Sie, Monsieur Charles ist immer bei mir. Wenn ich eine Frage habe, wenn ich nicht weiter weiß, so spreche ich mit ihm und er gibt mir Rat. Es ist ein großer Trost. Auch nach dieser Zeit war mein Leben, allein, ja nicht leicht. Aber an der Straße stehen brauchte ich nicht mehr. Ich pflegte Madame d´Ormont noch drei Jahre bis zu ihrem Tod. Dann begann ich mit den Büchern.“

 

„Was geschah mit M.Charles?“

 

„Eines Tages im Mai 38 öffnete er die Tür des Herrenzimmers und rief: Les enfants, venéz vite! Er hatte das Radio aufgedreht, eine Verlautbarung der deutschen Regierung. Ich verstand kein Wort, Mme. D´Ormont aber wohl. Charles hat mir später alles erklärt. Die neue Regierung kündigte die Rückkehr zur Rechtsstaatlichkeit und eine Verfassung sowie demokratische Wahlen an. Die Diktatur war beendet.

Charles war glücklich. Nie haben wir ihn so entspannt erlebt, wie in diesen Tagen. Großer Gott, sagte er immer wieder, es war doch nicht umsonst, Herr, ich danke Dir!

Ein paar Tage später ging er morgens gegen 11 Uhr auf die Straße, um Farben zu kaufen. Wir hörten zwei Schüsse und liefen hinaus. Charles lag direkt vor der Tür, aus nächster Nähe in die Brust geschossen, tot.

Ich stürzte zu ihm, nahm seinen Kopf in meine Arme und küsste ihn wieder und wieder unter Strömen von Tränen. – Sein so ansteckendes Lächeln war auf seinem Gesicht, ein letztes Mal.

Die Leute, die herbeigelaufen waren, sagten später, ich hätte laut geschrieen: Er war doch meine große, meine einzige Liebe!

Die Polizei kam und die Leute zogen mich weg. Einen Zeugen der Tat gab es nicht. Die Untersuchung wurde schnell eingestellt.

Madame d´Ormont sagte: „Es war die Gestapo!“

Wir haben ihn auf dem Pêre Lâchaise beerdigt, ein kleines Grab ganz außen an der Mauer.

Wir wollten ein Kreuz aufstellen, aber Mme d´Ormont meinte: „Lassen wir das, er war doch kein Christ, sondern Taoist: Tao, das Ewige, hat keinen Namen! Also ließen wir eine Bronzetafel an der Mauer anbringen, die aber bald gestohlen wurde.

Aber noch immer gehe ich zweimal im Jahr dahin, an seinem Geburtstag im April und am Totengedenktag. Ich muss dann noch immer weinen.“

 

Madame Bertrand bedeckte ihr Gesicht mit ihren schönen, weißen Händen.

 

 

 

René Avold

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